So etwas hat es früher nicht gegeben: Wohnst du noch oder haust du schon?

Obwohl die Titelzeile diesmal nicht ganz zutreffend ist, da es den von mir vorgestellten Trend bereits seit einigen Jahrzehnten gibt, werdet ihr am Ende nicht enttäuscht sein von diesem Trend erfahren zu haben. Dieser Trend-Bericht gibt mir erstmalig die Möglichkeit, mich an dem anti-staatischen Protest vom Kreuzberger, zu beteiligen. Denn eigentlich ist dieser Trend-Tipp viel mehr eine Warnung vor einem sich schleichend ausbreitenden Trend und es ist auch viel mehr ein Aufruf zum Protest als nur ein Hinweis auf einen Missstand. Während sich die Kritik vom Kreuzberger jedoch überwiegend gegen den Deutschen Staat richtet, nehme ich in diesem Bericht auch den der Polen ins Visier.

Seit einigen Jahren ist die polnische Regierung dabei, finanziell benachteiligte Menschen, die ihre Miete nicht mehr bezahlen können oder aus irgendeinem anderen Grund ihre Wohnung verloren haben in Notunterkünfte unterzubringen. Wobei das Wort Notunterkünfte nicht die richtige Bezeichnung ist. Behausungen wäre die passendere. Es sind, zu Wohnräumen umgebaute Container. Container wie man sie von Baustellen beziehungsweise aus dem Frachtgut Verkehr von Frachtgut-Schiffen kennt. Dieser Trend der Unterbringung hat mittlerweile so weite Kreise gezogen, dass ehrenamtliche BürgerInnen sich für ihre Mitmenschen engagieren und eine Verbesserung der Situation für die Container-Bewohner einfordern. Die Versprechungen Seitens des Staates, sich um eine Verbesserung der Wohnsituation zu bemühen, sind leere Worte und es bleibt bei dem Versprechen der Bemühung. Einige der Container-Dorf-Bewohner leben seit Monaten, andere wiederum bereits seit Jahren in den Containern in der Hoffnung auf Verbesserung ihrer Situation und die den damit verbundenen Umzug in eine Wohnung.

Damit sich die Menschen nicht von dort wegbewegen wo man sie hin entsorgt hat, ließ man die Wohncontainer (die diesen Namen nicht verdienen) in den Gegenden aufstellen, wo es keinen Personen Nahverkehr gibt. Somit ist sichergestellt, dass die BewohnerInnen nicht in den Kontakt mit der Bevölkerung treten und dabei auf ihre Situation hinweisen oder gar die Möglichkeit besitzen ein Amt aufzusuchen um dem aufgestauten Unmut Luft zu machen und eine Lösung des Missstandes einzufordern. Ich brauch wohl kaum zu erwähnen, dass sich aufgrund der mangelhaften Qualität beim Ausbau der Container und den klimatischen Bedingungen in Polen nahezu allen diesen „Blechbüchsen“ gesundheitsgefährdender Schimmelpilz gebildet hat.

Die Tatsache der Existenz von Container-Dörfern ist um so unbegreiflicher, wenn man bedenkt, dass Polen eines der Gastgeberländer der Fußball Europameisterschaft war. Der Neubau von vier Sportstätten für diese vierwöchige Veranstaltung beläuft sich auf 1.016 Milliarden Euro. Darüber hinaus entstanden weitere Kosten in Millionen Höhe für den Neubau und die Modernisierung von Flughäfen, Bahn- und Straßenverbindungen. Die Nachhaltigkeit der Investitionen für die Bevölkerung in die Fußball Europameisterschaft ist mehr als fragwürdig. Die Weltmeisterschaft in Afrika hat bereits Jahre zuvor belegt, dass der Bevölkerung rein gar nichts von dem betriebenen Aufwand zu Gute kommt. Auch die Weltmeisterschaft in Deutschland hat dem kleinen Mann (außer einigen „Schwarz“-Bier Verkäufern und ein paar findigen Vuvuzela Verkäufern) nichts gebracht hat. An den ausgebuchten Hotelbetten haben die Besitzer und deren Aktionäre verdient und einige Gastronomen hatten für ein paar Wochen wieder mal volle Kassen. Unvergessen sind hingegen auch die Pleiten von einigen Public-Viewing-Fan-Meilen-Betreibern, die in Hoffnung auf das Geschäft ihres Lebens Heller und Pfennig in Bewegung gesetzt haben und kurz darauf erkannt haben, dass sie ihre Finanzen nicht nur in Bewegung sondern auch in den Sand gesetzt hatten.

Nun kommt mein Hinweis auf und der Protest gegen diese Art der Unterbringung ein wenig verspätet. Denn bereits vor etwa zwanzig Jahren gab es bereits in und um Berlin mehrere Container Dörfer in denen Asyl Suchende untergebracht wurden. Bereits zu diesem Zeitpunkt hätte man einschreiten und bessere Lebensbedingungen für die BewohnerInnen einfordern müssen. Wenn wir nicht langsam aufwachen und begreifen, dass, wenn wir nicht Partei für die Rechte, Bedürfnisse und Gerechtigkeit unserer Mitmenschen eintreten, über kurz oder lang wir es sein werden, die in einem Wohncontainer am Stadtrand von Spremberg sitzen, für 1,5 € in der Stunde IKEA-Regale fertigen dürfen oder Trinkwasser zu halsabschneiderischen Preisen kaufen müssen. Wenn Berlin von der Einwohnerzahl eine Größe erreicht hat, dass es selbst für die zahlungskräftigen Einwohner, nachdem sie Neukölln, Kreuzberg, Mitte und Spandau für sich vereinnahmt haben, interessant ist in der Platte von Marzahn zu wohnen wird auch die derzeit dort existierende Bevölkerungsschicht vermutlich zu einem Großteil in den Containerdörfern in Stadtrandlage verdrängt worden sein, in denen die Bewohner der zuvor genannten Bezirke dann vermutlich schon seit Jahren wenn nicht gar Jahrzehnten herum vegetieren. Wenn man sich die Bebauungspolitik in den Metropolen dieser Welt anschaut, kommt man zu der Erkenntnis, das diese von mir aufgestellte These keine an den Haaren herbei gezogene Spinnerei ist, sondern gängige die Praxis darstellt. Die Slums die sich am Stadtrand befinden müssen dem Wachstum der Städte weichen. Den Menschen, die eh schon nichts mehr besitzen als die Kleidung, die sie am Leib tragen und die eine Hand voll Reis, die sie ihr „Täglich Brot“ nennen, reißt man noch aus Profitgier die Behausung ab und vertreibt sie in die nächst gelegenen Gebiete.

Wir sind hoffentlich alle mehr oder weniger weit davon entfernt Obdachlos zu werden, aber wir sollten stets das Amerika aus den Jahren 2008-2009 vor Augen haben, als einst erfolgreiche Angestellte (nicht nur BänkerInnen) ihre Arbeit und somit teilweise ihre gesamtes Hab und Gut verloren haben und sich in ihrem Auto wohnend auf irgendeinem Parkplatz der Stadt wieder gefunden haben.

Wer nun sagt, das kann mir nicht passieren, dem empfehle ich mit offenen Augen durch die Straßen Berlins zu flanieren und hier und da mal das ernsthafte Gespräch mit einer „gescheiterten“ Person zu suchen. Man wird sich wundern wenn man alles trifft.