Fukushima – Strahlende Aussichten

Erneut drehte der Wind, wieder kam er aus Nordost. Zuerst nahm man an, die Zeit würde noch reichen, obwohl alle spürten, dieser Gedanke reichte nur um die Hoffnung zu bekräftigen. Als der erste Kern zu schmelzen begann, wurde der Evakuierungsradius nochmals vergrößert, genau wie beim zweiten, einer nach dem anderen schmolz dahin, beim 6ten Kern war ganz Japan eingeschlossen. Schon bevor Tokio betroffen war, lag eine Depression über dem Land. Die Evakuierung begann sehr diszipliniert, der wohl letzte Ausdruck der japanischen Kultur. Doch mit jedem Tag an dem die radioaktive Wolke näher kam, wurde es chaotischer. Wer konnte auch damit rechnen, dass selbst in Osaka die Werte derart hoch werden konnten. Natürlich fing es langsam an, erst entdeckte man verseuchte Lebensmittel, dann stellte man Radioaktivität im Trinkwasser fest. Hamsterkäufe wurden getätigt, die Versorgungssituation stellte sich immer schwieriger dar. Tonnenweise schickte das Ausland Hilfsgüter nach Japan, nicht nur zur Beruhigung der Bevölkerung, sondern vor allem um die Flüchtlingsströme, nicht ausufern zu lassen. Schon zu diesem Zeitpunkt herrschte das Chaos auf den Straßen und die eingeimpfte Disziplin der Japaner wechselte übergangslos zum Faustrecht.

Der Tag als Fukushima aufgegeben wurde, ist mir noch präsent. Ich war schon in Tokio und hoffte auf einen der letzten Flüge. Als glücklicher Besitzer eines Tickets war ich voller Zuversicht. Was ich nicht bedacht hatte, dass es keine Möglichkeit mehr gab zum Flughafen zu kommen. In einer Stadt in Panik, herrschen andere Gesetzte! Das ausgerechnet der Reaktor der abgeschaltet war, die Kettenreaktion auslöste, war schon irgendwie bezeichnend, für die Hilflosigkeit der Menschen, mit dieser Technik umzugehen. Am Anfang sah es noch so gut aus. Reaktor 5 und 6 hatten wieder Strom und bei den anderen lagen die Leitungen schon bereit. Es wurde Tag und Nacht mit Meerwasser gekühlt, obwohl dieses Löschwasser zum versalzen der Brennstäbe führte. Das größere Problem bestand jedoch darin, das durch die Explosionen, Lecks im Reaktormantel und den Rohren entstanden waren und somit die verstrahlte Brühe direkt ins Meer floss. Eine Lösung schien nicht in Sicht. Nachdem die Strahlenwerte derart nach oben schnellten, wurde endlich zugegeben, das der erste Kern geschmolzen war. Die Arbeiter wurden abgezogen und es wurde ein Selbstmordkommando zusammengestellt, die retten sollten, was noch zu retten war. Experten rechneten aus wie lange ein Mensch sich dieser Strahlung aussetzen durfte. Ein Wert von 32,34 Sekunden kam heraus. Nicht wirklich eine Größe, mit der man eine Katastrophediesen Ausmaßes in den Griff bekommen konnte. Nur der Stolz der Japanischen Armee, für ihr Land zu sterben, brachte nochmals 1000 freiwillige Soldaten dazu, sich für ihr Land zu opfern. Alle wussten, dass dies nicht zum Erfolg führen konnte, doch man ließ sie ziehen. Was gab es auch für Alternativen? Nun liegen sie verstreut auf dem Werksgelände und werden als Helden verehrt. Das Problem wurde nicht gelöst, die Kernschmelzen nahmen ihren Lauf. Dies war vorerst der letzte Versuch! Ab diesen Zeitpunkt schaute die Welt nur noch zu, wie ein Reaktor nach dem anderen der Kernschmelze ausgeliefert war. Strahlend liegen nun 6 Reaktoren frei und niemand weiß, was zu tun ist.Bei der Tschernobyl-Katastrophe gab es einen gravierenden Vorteil. In Russland herrschte eine Diktatur. Hunderttausende wurden einfach dorthin geschafft, um das Problem zu beseitigen. Über 700000 Liquidatoren, so wurden sie genannt, waren abgeordert, dass Unmögliche zu lösen. Zehntausende starben, aber man hatte es geschafft einen Beton-Sarkophag zu bauen. So unmenschlich diese Aktion auch gewesen sein mag, sie führte wenigstens zum Erfolg. Doch welche Möglichkeiten besitzt man nun, um auf das Unfassbare zu reagieren. In Japan liegen die letzten Freiwilligen tot am Boden und es sieht nicht so aus, als würden sich schnell Nachahmer finden. Die Reaktoren liegen frei und die strahlende Wolke beginnt langsam die anderen Länder zu erreichen. Schon längst ist es kein regionales Problem mehr, sondern eins was die Welt betrifft. Doch wer wollte schon eingreifen, wenn als Danke nur der sichere Strahlentod wartete. Offen konnte man die Reaktoren dennoch nicht liegen lassen. Warten bis sie von selbst erkalten, falls dies überhaupt möglich war, würde Zeitspannen dauern, die für dieMenschheit noch nicht einmal denkbar waren. Die Halbwertszeit von Plutonium liegt bei ca. 24000 Jahren. Um nur mal eine Größe zu nennen. Nein es wurden Menschen gebraucht die bereit waren zu sterben. Selbst unter dem Einsatz neuster Technik, brauchte man sie vor Ort, zum installieren und bedienen. Die Lage schien aussichtslos! Die Welt sammelte sich und hoffte auf die Helden, um der Apokalypse noch zu entkommen oder ist dies schon die Apokalypse? Doch was ist das für ein erbärmliches Politikverständnis, dass einer Technik vertraut, die bei versagen auf Helden angewiesen ist. Alle Atombefürworter sollten sofort rekrutiert werden. Doch wie im Krieg, zahlen immer die Falschen die Zeche.

Zur Zeit bleibt mir nur das starren auf die Bildschirme. Der Wetterbericht ist die meist gesehene Sendung. Alle beten das der Wind die Konzentration vermindert und somit wieder ein kurzes Zeitfenster öffnet, um ein paar Menschen aus der Region heraus zu holen. Alles läuft wie in Trance ab. Fassen kann man es sicherlich nicht. Eine ganze Region konnte man nun von der Landkarte streichen und da dies nicht schon genug ist, wächst diese mit jedem Tag ein Stück weiter an. Das paradoxe des Vorfalls ist, dass selbst nach der ersten Kernschmelze, die Regierungen in Europa, USA, Russland und dem Rest der Welt, nicht auf diese Energieform verzichten wollten. Es wurde um Sicherheit gerungen, um Wirtschaftlichkeit, die alten Seilschaften behielten immer noch die Oberhand. Doch das war vor Tokio.

Nachdem die Räumung von Tokio beschlossen wurde, bewegte sich endlich etwas. Denn endlich schien das Unbegreifliche in den Köpfen angekommen zu sein. Die Bilder der Flüchtenden, der Sterbenden, der Hilflosigkeit formte sich langsam zu einer Erkenntnis. Man hätte es längst wissen müssen, dass der Mensch solch eine immense Energieform nicht kontrollieren kann. Warum musste es soweit kommen? Doch diese Frage war längst beantwortet. Geld ließ die Risikobereitschaft ins unermessliche wachsen.Nun bezahlte man mit unermesslichen Leid. Die Gefahren waren seit Jahrzehnten bekannt, daran konnte es nicht liegen und spätestens seit Harrisburg und Tschernobyl war längst das unbedeutende Restrisiko widerlegt. In 100000 Jahren vielleicht einmal, so wurde behauptet und ich hatte es schon zweimal erlebt, von den beinahe Situationen mal ganz abgesehen. Nein, da hatten Menschen Gott gespielt und Verantwortung für andere übernommen, die sie niemals hätten übernehmen dürfen. Niemals. Die Mörder sind die, die diese Technik bauten oder zuließen. Kritiker wurden mundtot gemacht. Die Gefahren wurden schlampig dargestellt. Wäre die Bevölkerung vollends aufgeklärt gewesen, wäre es nie zu dieser technologischen Verbreitung gekommen. Selbst die Endlagerung wurde auf die Zukunft verschoben. Nun war die Zukunft angebrochen, die Endlagerung findet oberhalb statt.

Doch was rege ich mich auf, leise summt das Notstromaggregat im Hintergrund. Ich hab´s halt nicht geschafft raus zu kommen, da fehlten mir als Tourist, dann doch die richtigen Kontakte. Ich kann noch froh sein überhaupt einen Platz im Bunker ergattert zu haben, nur war ich mir nicht ganz sicher, wie froh ich darüber wirklich sein will. Jetzt hieß es warten, bis die Hubschrauber sich wieder hierher wagen, die deutsche Botschaft scheint sich jedenfalls noch zu kümmern, wurde jedenfalls behauptet. Doch auch wenn die Evakuierung losgeht, werden wir für die vier Stunden, die es braucht das konterminierte Gebiet zu verlassen, eine Strahlendosis abbekommen, die uns in 10 Jahren dem Krebstod zuführt. Vielleicht auch ein paar Jahre länger, wer weiß das schon. Ein Leben ohne Zukunft allemal! Unruhig macht mich noch eine weitere Nachricht, das in Frankreich und auch in Deutschland an einigen Reaktoren Kühlwasserprobleme aufgetreten sind. Nicht aufgrund von Erdbeben oder Tsunami, nein viel banaler, es herrscht einfach nur Wassermangel in den Flüssen.

Es scheint eine ungewöhnliche Dürre ausgebrochen zu sein, bei der die Pegelstän-de der Gewässer derart niedrig sind, dass die Ansaugrohre nur noch Schlamm aus den Flüssen ziehen, der Klimawandel lässt grüßen. Mit Tanklastern werden Millionen von Litern Wasser in die Reaktoren gepumpt. Das Problem scheint zu sein, das fast ganz Mitteleuropa von dieser Trockenheit betroffen ist. Die hohe Anzahl von Reaktoren (speziell in Frankreich), macht es logistisch zu einem Problem, die Wasserversorgung aufrecht zu erhalten. Der letzte Stand der hier überhaupt noch ankommt ist, das in den meisten Regionen in Europa Wasser rationiert wird und alle sehnlichst auf Regen warten. Die AKW´s wurden zwar abgeschaltet, doch wie man weiß, ist das für den Kühlungsprozess der Brennstäbe völlig unwichtig, denn Kühlung brauchen sie immer, ob am Netz oder außer Betrieb. Mir macht nur Sorge, das wenn einer in Europa hochgeht, wir hier in Japan, wohl keine Chance mehr haben rauszukommen. Aber darüber will ich jetzt nicht nachdenken, auch wenn die Zeit angebrochen ist, das Undenkbare anzunehmen..

Zurzeit sucht die Weltgemeinschaft massenhaft Freiwillige für Japan, vielleicht sollten sie für Europa gleich mit suchen. Menschen die bereit sind den Freitod zu wählen, denn wie gesagt stehen die Reaktoren zerberstet und strahlend herum. Keine Möglichkeit heran zu kommen. Pläne werden geschmiedet, für den finalen Rettungsschlag, um sie zumindest zu verschließen. Falls man überhaupt genügend Freiwillige zusammenbekommt, dann wahrscheinlich auch nur einmal, es gibt nur einen Versuch. Denn selbst die Versorgung der zurückgelassen Menschen in Japan, die die nicht rechtzeitig weggingen oder nicht die horrenden Summen aufbringen konnten, um mit privaten Schlepperbanden ausgeflogen zu werden, oder einfach die Gefahr unterschätzt hatten, wurden langsam zum Problem. Niemand will Nahrung und Wasser hinein fliegen, denn dies hieße sein eigenes Leben zu gefährden. Aber was sollte geschehen, sollte man die zig Millionen, die es nicht geschafft hatten , einfach ihrem Schicksal überlassen? Der langsame Tod wäre ihnen gewiss, falls dies eh nicht schon zu spät ist. Immer wieder gibt es Gerüchte von Einzelaktionen, bei denen sich Leute nach Osaka aufmachten, man hörte das sich dort die Strahlung schneller wieder verflüchtigte. Doch da nichts mehr fuhr, keine Busse, keine Bahn, kein Nichts und in einer Stadt im Chaos keine intakten Straßen zur Verfügung stehen, versuchten sie zu Fuß bis an die Stadtgrenze zu kommen, um mit geknackten Autos weiterzufahren. Doch die Erkenntnis, dass sie schon dermaßen verstrahlt sein mussten, noch bevor sie den Großraum Tokio verlassen hatten, ließen mich am Sinn solcher Aktionen zweifeln. Falls ich noch so etwas wie Hoffnung empfinde, so versiegt sie mit jedem Tag im Bunker, Stück für Stück, das einzige was mir blieb ist warten. Neben mir kotzt einer Blut, still schaue ich ihm dabei zu!

Geschrieben von bookfield

image_pdfimage_print

Schreibe einen Kommentar