Horch und Guck: Bewerbungsgespräch (Teil 2)

Was bisher geschah:

Horch hat vom Jobcenter ein Bewerbungsvorschlag bekommen, laut dem er sich als Mitarbeiter beim Bundesnachrichtendienst vorstellen muss. Ein paar Tage nach Erhalt des Schreibens vom Jobcenter tat er was ihm befohlen wurde und stand vor dem neuen BND-Gebäude in der Chausseestraße in Berlin-Mitte. Nachdem er sich am Pförtner vorbei Zutritt zum Gelände verschafft hatte, befand er sich kurz darauf im Büro des Personalchefs Herrn Kuhn. Dieser war von Horchs Auftritt, der nicht nur in einer SS-Uniform sondern zudem auch mit geschultertem Ak-47 in seinem Büro stand, überhaupt nicht begeistert und rief zur Klärung der Sachlage den Sicherheitsdienst herbei.

Der Personalchef nahm den Telefonhörer in die Hand und wählte die Nummer vom Sicherheitsdienst. Als am anderen Ende das Gespräch angenommen wurde und sich der Sicherheitsdienst meldete, sagte der Personalchef: »Ach, dass freut mich aber, dass doch jemand von ihnen im Hause anwesend ist. Hier ist Herr Kuhn, der Personalchef. Hätten Sie die Güte und würden Ihren Arsch umgehend zur mir ins Büro bewegen? Hier steht ein Herr Horch in einer SS-Uniform und einem geschulterten AK-47 vor mir. Ich glaube, wir haben ein kleines Sicherheitsproblem und ich hätte von Ihnen gern eine Erklärung dazu, danke«, und legte den Telefonhörer ohne eine Antwort abzuwarten wieder auf.

»So, und nun mal ganz langsam«, führte Herr Kuhn das Gespräch mit Horch fort: »Sie haben unseren Wachmann überlistet und sich mit einem Sturmgewehr Zutritt in einen besonders gesicherten Bereich verschafft. Woher wussten Sie eigentlich, wo mein Büro liegt?«

»Ich werde Ihnen ein kleines Geheimnis von mir verraten. Ich war schon mal hier«, antwortete Horch.

»Wie darf ich das denn jetzt verstehen?«, fragte der Personalchef verwundert.

»Das Malheur um die verschwundenen Baupläne seinerzeit ist auf meinem Mist gewachsen – glaube ich.«

»Wie, glaube Sie? Und vor allem auf was für einem Mist?«

»Das sagte ich doch bereits, auf meinem Mist.«

»Sie haben seinerzeit die Baupläne entwendet?«

»Nun ja, was heißt entwendet«, versuchte sich Horch zu erklären. »Eigentlich wollte ich nur mal aus Neugier einen Blick darauf werfen. Aber aus Versehen habe ich eine Kaffeetasse umgeworfen und der ganze Scheiß ist über die Baupläne gelaufen. Und damit keiner meinen nächtlichen Besuch bemerkt, wollte ich am nächsten Morgen in einen Kopierladen gehen und neue Pläne anfertigen lassen. Aber als ich am nächsten Tag wiedergekommen bin, war das Verschwinden der Pläne bereits bemerkt und die Sicherheitsmaßnahmen daraufhin erhöht worden. Dann bin ich mit den Plänen unterm Arm und unverrichteter Dinge wieder abgezogen.«

»Wegen Ihnen haben wir die ganze verdammte scheiß Umbauaktion machen müssen, die uns zusätzliche Millionen von Euro gekostet hat? Sie habe ja Mut hier aufzutauchen.«

»Tja, wissen Sie, von der Aktion wissen Sie und ich und sonst niemand. Es dürfte Ihnen ohne ein Geständnis meinerseits oder irgendwelchen handfesten Beweisen schwer fallen, mir die Tat nachzuweisen. Außerdem bin ich nicht freiwillig hier. Ich habe ein Schreiben bekommen, aus dem hervorgeht, dass ich mich an dem heutigen Tag«, Horch schaute auf seine Uhr »und exakt zu dieser Uhrzeit bei Ihnen einfinden soll, um Ihnen meine Dienste zu unterbreiten.«

»Sie, bei uns? Zeigen Sie mal das Schreiben her.«

Horch reichte dem Personalchef das Schreiben und der las es gewissenhaft durch.

»Hier steht drin, dass Sie aufgrund Ihrer Qualifikationen bestens für den Job als Sicherheitsfachkraft geeignet wären« und schaute Horch dabei von oben bis unten an.

»Da stimme ich Ihnen zu, ich bin sogar überqualifiziert wie man so schön sagt, aber als überzeugter Regimegegner bin ich die denkbar schlechteste Wahl für diese Position. Für´n Toastbrot mit Ketchup würde ich hier jeden hereinlassen, der mich nett darum bittet.«

»Das würden Sie tun? Warum?«, fragte der Personalchef erstaunt.

»Weil ich mir somit nicht selber die Finger schmutzig machen müsste, bei dem Versuch, die Missstände im System zu beseitigen.«

»Und unsere Behörde sehen Sie als Teil des Systems, welches Missstände aufweist, die es aus Ihrer Sicht zu beseitigen gilt?«

»In der Tat«, erwiderte Horch.

»Und die Missstände wären welche, wenn ich fragen darf?«

»Das fängt bei dem Gedankengut der Mitarbeiter an, auf die sich, wie bereits erwähnt, auch mein Aufzug bezieht und hört dabei auf, dass einer wie ich – zugegeben und nicht übertrieben, ein Meisterspion – aber nichts desto Trotz seit Jahren außer Dienst und nicht trainiert, hier einfach herein marschiert und Baupläne zur freien Verfügung gestellt bekommt oder wie heute, am Wachmann und dem Sicherheitspersonal vorbei, sich mit einem Ak-47-Gewehr Zutritt zu einem, wie Sie so schön sagten, besonders gesicherten Bereich verschafft. Und zu guter Letzt habe ich eine Abneigung gegen die unlauteren Machenschaften der Geheimdienste. Reicht das als Begründung?«

»Na ja, zur freien Verfügung haben wir Ihnen die Baupläne ganz sicher nicht gestellt, aber Sie haben Recht mit dem was Sie sagen. Und was schlagen Sie vor, sollten wir Ihrer Ansicht nach tun?«

In diesem Moment kam der Sicherheitsdienst mit gezogenen Waffen hereingestürmt: »Hände hoch und auf den Boden«, schrie einer der hereinstürmenden Sicherheitskräfte. Horch blieb ohne eine Regung stehen und fragte: »Ja was denn nun? Hände hoch oder auf den Boden legen? Ihr könnt vergessen, dass ich mich mit nach oben ausgestreckten Armen auf die Fresse fallen lasse.«

Einer der Sicherheitsleute versuchte indes Horchs AK-47 zu ergreifen, doch Horch wich einen Schritt zurück und der Beamte griff ins Leere. »Na na na, mein Junge«, sagte Horch. »Das Ding ist gefährlich und nicht zum Spielen gedacht. Außerdem ist das mein Gewehr und ich mag es überhaupt nicht, wenn irgendjemand daran herumfingert.«

»Sie händigen mir umgehend das Gewehr aus…«, befahl der Wachmann.

»Sonst was?«, fiel Horch dem Beamten ins Wort.

»Sonst lasse ich sie umgehend festnehmen«, drohte der Beamte, der versucht hatte Horchs Waffe zu ergreifen.

»Also, wenn Sie derjenige sind, der hier sicherheitstechnisch etwas zu sagen hat, haben Sie ein ganz anderes Problem als mich, nicht wahr?«, und schaute zum Personalchef herüber.

Dieser schaute mit ernster Miene zu den Männern: »In der Tat meine Herren. Und gut Herr Jürgens, dass Sie als Chef der Sicherheitsabteilung auch zugegen sind, dann kommt mein Anschiss gleich bei der richtigen Stelle an.«

Während die Sicherheitsleute verwundert da standen und dumm aus der Wäsche guckten, konnte sich Horch ein hämisches Grinsen nicht verkneifen.

»Aber zu Ihnen komme ich später. Zunächst geleiten zwei von Ihnen Herrn Horch zum Ausgang. Wer weiß, wo der sonst noch überall seine Nase rein steckt.«

»Dass heißt, Sie wollen auf meine Dienste verzichten?«, fragte Horch freudig.

»Selbstverständlich. Wie Sie sehen, habe ich es hier schon mit genug Nichtskönnern zu tun, da brauche ich nicht noch einen Wahnsinnigen im Team.«

»Das aus Ihrem Mund zu hören Herr Kuhn, ehrt mich geradezu«, sagte Horch. »Aber könnten Sie mir bitte meine Anwesenheit bestätigen, damit mir die Penner vom Amt nicht die Bezüge kürzen.«

»Wenn es weiter nichts ist«, und er nahm den Zettel, den ihm Horch reichte entgegen und unterzeichnete ihn. »So, und nun raus hier. Ich will Sie hier nicht länger sehen und schon gar wiedersehen. Ach, diesbezüglich händigen Sie mir doch bitte die Chipkarte aus, mit der Sie sich Zutritt zu diesem Gebäude verschafft haben.«

Horch reichte die Karte dem Personalchef: »Bitteschön, die benötige ich eh nicht mehr«, und fügte grinsend an: »Ich kenne ja eh schon alles.«

Die beiden Sicherheitsbeamten geleiteten Horch hinaus. Kurz darauf saß er in einem Taxi auf dem Weg zum Kostümverleih.

»Und, wie ist es gelaufen?«, fragte ihn der Mitarbeiter als Horch den Laden betrat.

»Ganz wie erhofft. Sie haben mich kurzum wieder vor die Tür gesetzt. Jetzt will ich aber so schnell wie möglich raus aus dem Plunder. Könnte ich bitte meine Klamotten haben?«

Kurz darauf stand Horch wieder in Zivil auf der Straße und machte sich auf den Heimweg nach Kreuzberg.

Als er die Tür zu dem Büro öffnete empfing ihn Guck mit den Worten: »Na Genosse, du musst ja einen verdammt guten Eindruck hinterlassen haben. Warst wohl doch nicht in Uniform bei dem Termin?«

»Doch, wieso?, fragte Horch erstaunt.

»Herr Kuhn hat angerufen und wollte dich sprechen. Unvorhersehbar ist die Stelle des Sicherheitschefs frei geworden und er hätte dir gern den Arbeitsplatz angeboten.«

»Ach du scheiße. Und was hast du ihm gesagt? Ich hoffe, du hast in meinem Namen dankend abgelehnt?«

»Ich habe ihm erzählt, ich sei deine Einzelfallhilfe und ich mich schon wundern würde, wo du dich schon wieder herumtreiben würdest, da wir einen Termin hätten. Danach war es kurz ruhig am Ende der Leitung und ich bin der Meinung Herr Kuhn hat irgendetwas gemurmelt von: Das erklärt einiges. Was hast du da abgezogen?«

»Du kennst mich doch. Ich würde nie etwas anstellen, was anderen schadet. Aber damit du wegen mir keine schlaflosen Nächte hast, erzähle ich dir wie es gelaufen ist.«

Die langjährige Freundschaft zu Horch ließ Guck die Geschichte, die ihm sein Freund erzählte, ohne große Verwunderung aufnehmen. Doch nachdem ihm Horch alles bis ins Detail geschildert hatte schüttelte er den Kopf und konnte sich ein Grinsen über die Dreistigkeit von Horch nicht verkneifen.

»Ich weiß nicht, wie du es immer hinbekommst, so glimpflich davonzukommen?«

»Du solltest dich viel lieber fragen, warum der Personalchef anruft und einem ganz offensichtlich nicht ganz rund laufendem Meisterspion a. D. den Posten als Sicherheitschef anbietet.

»Sei froh, dass du mich hast. Ohne meine Notlüge stündest du jetzt in Lohn und Brot und eine deiner obersten Befehlshaber hieße Angela Merkel.«