Leserbrief Paradiesische Ausgangslage für Investoren

Berlin war zwar arm aber sexy – nun sterben die Berliner Kieze aus. Erst herrschten jahrelang typisch Berliner Verwahrlosung und sogar ein Ehrenmord war 2012 im Kiez zwischen Stresemannstraße, Bernburger- und Köthener Straße möglich. Nun ziehen seit spätestens Anfang 2013 auch hier die Global Player durch den Kiez und gentrifiezieren was das Zeug hält zu Gunsten versprochener Renditen an die Auftraggeber. Noch schnell vor der Gesetztenänderung zur Kappungsgrenze wurden erste Mieterhöhungen verschickt. Mann weiß offenbar immer, was wo und wann hinter den Kulissen läuft, hat seine Netzwerke und Lobbyisten am Hof der Bundesregierung oder beim Senat.

So wundert es kaum, dass die wohl letzten Filetstücke mit ehemaligen Sozialwohnungen in der Nähe zum Potsdamer Platz zum Ziel von Immobilienplanern wurden, die »Großes« vor haben. Tagsüber waren die Parkplätze hier seit einigen Jahren bereits heiß umkämpft wegen der letzten parkscheinfreien Zone im Umkreis von mehreren Kilometern. Erst in der Nacht wurde am tatsächlichen Autoparkbedarf noch sichtbar, dies war bisher eine Lebenszone, wo Menschen mit niedrigem Einkommen und eher wenigen eigenen Fahrzeugen wohnten. Es gab Parkplätze ohne Ende! Diese Zeiten aber sind wohl in Kürze endgültig vorbei. Aus einer »Turmstraße« soll eine »Schlossstraße« gemacht werden, geht es nach den aktuellen Investoren.

Die Nähe zum Potsdamer Platz, aber vor allem das Versagen des Berliner Senats im Punkto Anschlussfinanzierung von sozialem Wohnungsbau bot und bietet Investoren paradiesische Ausgangslagen in Berlin, weil die zumeist noch geringen Mieten im Verhältnis zu den deutschen Hochburgen, richtig aufgestockt werden können und alle 15 Monate automatisch um das Maximum (immerhin nur noch 15% in Berlin) steigen sollen. Modernisierungen die zwar den so genannten Wohnwert steigern sollen, dem Mietern aber tatsächlich nur wenig bis keinen Nutzen bringen, sind da noch nicht mit einbezogen aber eben gesetzlich zulässig. Und als ob das noch nicht reicht, soll der Mieter solchen gesetzlich bereits erzwungen Modernisierungen auch noch zustimmen! Das ist absurd. Mieten von gleichgroßen und ausgestatteten Wohnungen vertriebener Mieter im Viertel stiegen bei Neuvermietungen bereits um 100 %. Von durchschnittlich 5 Euro auf 10 Euro pro qm Fläche. Die Auswirkungen auf den nächsten Mietspiegel kennt dann jeder. Alte Mieter werden derzeit mit dem Maximum an Mieterhöhung und Modernisierungen sowie Klagen überzogen, wenn Sie nicht spuren wie das die neuen Vermieter wollen. Berlin war arm aber sexy; inzwischen ist es ein Disneyland für Touristen und die viel geschundenen Schwaben, zumindest im historischen Kernbereich der ehemaligen Berliner Mauer. Aber auch Münchner Global Immobilien Firmen und ihre Berliner Ableger haben sich längst aufgemacht, um mitzumischen im großen Immobiliengeschäft in Berlin. Hier ist noch richtig Luft nach oben, meint man dort. Und die vielen gut verdienenden Bediensteten der Institutionen von Bund, Ländern usw. wollen auch möglichst nah am Puls der Stadt wohnen und daran teilhaben. Nun nutzen die ganz kreativen neuen Global Player den Standort auch noch als historische Kulisse für Touristen und potentielle Neumieter, werben damit in Wohnungsangeboten, obwohl die Mauer mindestens 300 m entfernt in anderer Straßenverlaufsrichtung verlief. Ahnungslose Berlin-Besucher aus aller Welt glauben sich an der Ecke Bernburger/Köthener Straße auf einer ehemaligen Grenzstraße und staunen nicht schlecht, wenn man ihnen mitteilt, dies sei falsch.

Die Berliner Senatpolitik ist aufgefordert, denn auch dafür sind die politischen Vertreter aller politischen Parteien gewählt worden, den Kiez auch hier im kleinen Kiezeck zwischen Deutschlandhaus, Potsdamer Platz und Berliner Bunkermuseum vor einer zum Teil aggressiven Überformung der bisherigen Mieterstruktur zu schützen. Wo sind denn die Kinder hin, die bis letzten Sommer auf dem Spielplatz hinterm Haus spielten. Man hört sie nicht mehr. Wo sind die vielen Familien geblieben, vor allem aber die Mirganten? Und wo bleiben unsere Werte, die so sehr auf Menschenwürde und Menschenrechte fixiert sind, besonders, wenn es andere betrifft?

Wir alle sind aufgefordert, auch vor der eigenen Haustür zu kehren, unsere Hausaufgaben zu machen und den Alt-Berlinern Wohn- und Lebensraum zu ermöglichen ohne ständige Angst vor unbezahlbaren Mieten. Vermieter dürfen und sollen verdienen, auch, weil sie mit der Vermietung ihrer Immobilie Verantwortung übernehmen für andere. Aber es kann nicht sein, dass Berlin zum Spielplatz nationaler und internationaler Investoren wird, die sich nicht offen zeigen und stattdessen Anwaltsbüros vorschicken, um ökonomisch alles herauszuholen, was »gesetzlich« zulässig ist. Weder Miethaie noch Mietnomaden sind die Lösung.

Geschrieben von Dr. Henning Pietzsch

 




Lesermeinungen zur Ausgabe 23 zu »Kreuzberg ausverkauft?«

Der Text von Kersten in der März/April Ausgabe spricht viele Probleme an, mit denen sich die BewohnerInnen Kreuzbergs konfrontiert sehen. Diese Entwicklung wurde bereits Ende der 80er Jahre von einigen vorhergesagt und spätestens nach dem Mauerfall für das damalige Soziotop bittere Realität.

Unter unserem Namen wurden seitdem – ohne personelle Kontinuitäten – unzählige Aktionen gegen die kapitalistische Umwandlung im Kiez durchgeführt. Anfängliche Kübelaktionen gegen Luxusrestaurants trafen wohl noch auf einige Zustimmung, spätestens mit dem Auftreten der Gruppe »Klasse gegen Klasse« wurden aber auch die unterschiedlichen Interessenlagen der Menschen im Kiez offenkundig. Seitdem haben mehrere Generationen von »Autozündlern« und »Mai-Chaoten« mehr oder weniger im luftleeren Raum gewirkt, ohne dabei einen engeren Bezug zur Stimmungslage der meisten KreuzbergerInnen zu haben. Wir, und die meisten unserer Vorgänger, wollen weder einen Lokalpatriotismus pflegen oder ganz konservativ vermeintlich bessere Zeiten erhalten. Schon gar nicht sollen Menschen wegen ihres höheren Einkommens oder andere Konsumgewohnheiten bekämpft werden, was anscheinend öfter unterstellt wird.

Vielmehr geht es immer darum das Recht auf Wohnraum, die Teilnahme am sozialen und kulturellen Leben, am öffentlichen Raum, zu verteidigen bzw. zu erkämpfen.Aus der ersten Generation der Hausbesetzer in Kreuzberg sind einige inzwischen bei den Organisatoren des Myfest gelandet oder arbeiten als Sozialarbeiter in Jugendeinrichtungen mit der Polizei zusammen. So wie andere ihren eigenen wirtschaftlichen/beruflichen Aufschwung an die (gastronomische) Entwicklung des Bezirks gekoppelt haben. Was die Mehrheit der AnwohnerInnen über diese Entwicklung denkt, wissen wir nicht. Irgendwann sind unsere Kontakte, die einmal über den eigenen Tellerrand hinaus gingen, abgerissen. Viele sind nach Neukölln ausgewandert und auch dort schon wieder vertrieben worden.

Kersten ruft in seinem Text ausdrücklich nicht zur Gewalt auf und darauf würden auch wir uns nicht reduzieren lassen wollen. An irgendeinem Punkt muss Widerstand jedoch auch praktisch werden und stößt dabei mit dem Gesetz zusammen.

Eigentlich wollen wir diesen Punkt nicht alleine bestimmen und auch nicht gegen die Stimmung der Bevölkerung in 36 handeln, jedoch die Resonanz auf unsere Texte, Veranstaltungen und Demos blieb in den letzten Jahren zum größten Teil szeneintern.

Lediglich bei wenigen Sachen, wie z.B. die Zwangsräumung in der Lausitzer Str. im Februar, können wir noch eine gewisse Akzeptanz unsere Aktionsformen registrieren. Wir gehen davon aus, dass mehr Menschen hier die Position von Kersten teilen, dass die Kommentare im Tagesspiegel über »Linksradikale« nicht die Meinung der Mehrheit wiedergeben.

Wir sind allerdings auf einen regeren Kontakt oder wenigstens Austausch mit unserer Nachbarschaft angewiesen, um die in dem Artikel »Kreuzberg Ausverkauft?« skizzierten Probleme angehen zu können, ohne dabei völlig abgehoben vom Rest zu erscheinen. Interessant wäre, wer von den gelegentlichen Autobränden genervt ist und ob es nicht doch klammheimliche Freude gibt, wie die Randale am 1.Mai (oder anderen Tagen) tatsächlich aufgenommen wird, wie die Ansichten zu dem rassistischen Diskurs über die Situation im Görli sind und ob die Verdrängung durch Gentrification hingenommen wird wie schlechtes Wetter oder eben nicht.

Die Hetze in den Medien gegen uns ist seit Jahren fester Bestandteil der Medienlandschaft, wir erleben manchmal direkten Hass aber auch Zustimmung; ob wir von einem authentischen Meinungsbild unter KreuzbergerInnen ausgehen oder dem einen oder anderen Trugschluss aufsitzen, ist völlig unbekannt. Daran wollen wir etwas ändern. Es wird uns immer geben und unser Handeln soll dabei nicht den Interessen der Leute im Kiez widersprechen oder feindlich wirken. Das ist ein Diskussionsangebot weil wir uns noch nicht für eine nihilistische Tendenz entschieden haben.

Autonome Gruppen




Horch & Guck – Einer dieser Tage

Nun hat sie uns doch ereilt: Die Zensur! Aufgrund der zahlreichen verbalen Entgleisungen Horchs den Polizei Beamten gegenüber wurde die ursprüngliche Fassung von Horch & Guck – Einer dieser Tage, – auf Anraten unserer Rechtsberater, entschärft. Selbstverständlich gibt es für die Widersacher der Obrigkeit unter euch die unzensierte Version auf Anfrage per E-Mail.

„Hey, Du Penner, pass auf“ pöbelte Horch den Radfahrer an, der gerade auf dem Fußgängerweg in der Falckensteinstraße an ihm vorbeifuhr und ihn dabei anrempelte. Der Gefahr, die ihm im Nacken saß, nicht bewusst, drosselte der Radfahrer sein rasantes Tempo aufgrund einer vor ihm laufenden Touristen-Gruppe, sodass er Horch, der mit vollen Einkaufstüten und schnellen Schrittes unterwegs war, erneut in die Quere kam. „Fahr schon, Du Vollidiot“ rief Horch dem vermeidbaren Verkehrshindernis zu und trat ihm zeitgleich gegen sein Hinterrad. „Ey, was soll´n das?“ fragte der verdutzte Radfahrer, der nach dem Tritt Mühe hatte, sich auf dem Fahrrad zu halten und beinahe gegen einen Baum gefahren wäre. Horch, dessen Woche bereits beschissen verlaufen war, packte daraufhin sein gesamtes Potential an Hasstiraden aus. „Du glaubst auch es gibt keine Bosheit auf der Welt, wa´. Fährst auf dem Gehweg, klingelst Dir den Weg frei und rempelst die Leute an und dass alles nur, weil sich der gnädige Herr zu fein ist, mit seinem voll gefederten Geländefahrrad über das Kopfsteinpflaster zu fahren. „Aber….“ – wollte der Radfahrer entgegnen, doch Horch unterband jeglichen Erklärungsversuch mit den Worten: „Was? Aber…. Mach Dich hier janz schnell vom Acker und noch ein Wort, Dein Gesicht hat Fasching, mein Freund.“ Eine vorbeifahrende Polizeistreife, die auf Horchs Gepöbel aufmerksam geworden war verlangsamte ihre Fahrt und der Fahrer des Wagens fragte Horch: „Na guter Mann, gibt’s Probleme?“ Horch drehte sich um und erblickte das Fahrzeug mit den beiden darin sitzenden Beamten und erwiderte: „Ach nee, die Trachten – Truppe. Gut das Ihr da seid, Ihr könnt hier gleich mal auf´n Meter rangerutscht kommen.“ – „Wo drückt denn der Schuh?“ hakte der Polizist nach – „Wo mein Schuh drückt? Demnächst in dem Gesicht dieses verdammten Radfahrers, der glaubt, sich alles erlauben zu können“. In diesem Moment kam Guck, der Horch bereits akustisch von weitem wahrgenommen hatte, mit Schröder um die Ecke geschlendert: „Wat´n hier los?“ fragte er provokant in die Runde, während Schröder die Polizisten, die inzwischen die Runde mit ihrer Anwesenheit beehrten, begutachtete. „Nehmen Sie den Hund an die Leine.“ herrschten die Beamten, fast zeitgleich, Guck an. – Horch antwortete für den angesprochenen Guck: „Nein. Warum auch? Das ist mein Hund und wenn sich hier jeder gesittet verhält, bleibt er auch ruhig. Kümmert Euch lieber um diesen Verkehrsrowdy hier. Ich weiß gar nicht warum wir eine Straßenverkehrsordnung haben, wenn sie ständig missachtet wird. Wenn ich mit meinem Auto durch den Kiez fahre und die Schrittgeschwindigkeit einhalte, rasen links und rechts Radfahrer an mir vorbei und pöbeln mich an, dass ich die Geschwindigkeitsbegrenzung einhalte. Und wenn ich als Fußgänger unterwegs bin muss ich ständig darauf achten, nicht über den Haufen gefahren zu werden. Mir platzt bald der Arsch.“ – Nun beruhigen Sie sich mal….. – „Beruhigen?“ unterbrach Horch den Beamten „Ich lasse mir doch von Euch nicht meine schlechte Laune verderben. – Und jetzt waltet Eures Amtes und sorgt für Gerechtigkeit im Straßenverkehr.“

Von Horch gesagt, von den Beamten in die Tat umgesetzt, nahmen sich die Beamten den Radfahrer vor. Nachdem sie ihn auf sein Fehlverhalten hingewiesen und verwarnt hatten, versuchte sich dieser zu erklären: „Aber….“ – „Schon wieder – Aber….“ unterbrach ihn Horch „Halts Maul und verpiss´ dich endlich oder glaubst Du, nur weil die beiden Uniformierten Staatsdiener hier in der Gegend ´rumstehen, hast Du einen Sicherheitsvorteil? Da muss ich Dich leider enttäuschen.“ pöbelte Horch aufgrund der lapidaren Verwarnung der Polizisten gegenüber dem Radfahrer weiter herum.

In diesem Moment klingelte Horchs Mobiltelefon und er nahm das Gespräch entgegen: „Was? Klar ist der Stoff gut. Und dass die Leute darauf abfahren werden, habe ich Dir doch gesagt. Ob ich davon noch mehr besorgen kann? Klar, wie viel willst du? 200? Na ja, ich schaue gleich mal nach ob noch was im Lager liegt und melde mich dann bei Dir. Bis dann“ – „Was war das denn?“, wollte einer der Polizist erstaunt wissen als Horch das Gespräch beendet hatte. Guck wusste genau was der Polizist dachte und auch, dass Horch das Telefonat bewusst verdächtig geführt hatte um die beiden zu provozieren und damit auch wusste, welche Gedanken den Beamten gerade durch den Kopf gingen. Guck wusste aber auch genauso gut, was Horch jetzt wieder für eine Nummer abziehen würde. Genau die gleiche wie seinerzeit auf Mallorca, wo sie vor ihrem Haus in Cala Ratjada von der Policia Local kontrolliert worden waren, weil einer ihrer Bekannten bei seiner Ankunft ein angeblich „auffälliges Verhalten im Straßenverkehr“ an den Tag gelegt hatte. Damals antwortete er auf die Frage des anwesenden Bekannten, der, da er kein spanisch sprach, von Horch wissen wollte was los sei, im Beisein der selbstsicher auftretenden Beamten und in feinstem und deutlichstem Deutsch: “Die suchen die zwanzig Kilo Kokain im Kofferraum meines Autos“ und zeigte mit den Worten auf seinen Kleinwagen, der vor dem Haus stand. „Kilo“ und „Kokain“ versteht jeder Polizist, weltweit. Da die Insel zu dem Zeitpunkt als Einfallstor für kolumbianische Waren dieser Art in Europa galt, hätte es bis auf den Umstand, dass Horch & Guck das weiße Gold niemals anfassen, geschweige Handel damit treiben würden, gut möglich sein können, dass sich der Gesamtwert des Fahrzeugs, so wie es da stand, im Millionen – Euro – Bereich bewegte. Dementsprechend blass und nervös wurden die beiden Beamten der Policia Local, als sie die Worte vernahmen. Vermutlich befürchteten sie auf ein Nest der Mafia gestoßen zu sein. Noch heute, wenn Horch und Guck sich die Geschichte erzählen, lachen sie Tränen über die Entgleisungen in den Gesichtern der Beamten und den darauf folgenden Wutausbruch der beiden, als sie aus dem mit Bier gefüllten Kofferraum des Seat Ibiza wieder aufschauten und in Horchs provokant grinsendes Gesicht blickten.

Aber ganz im Gegensatz zu Gucks Befürchtungen antwortete Horch: „Als wenn´s Euch was angehen würde. Aber damit Ihr euren Wissensnotstand in diesem Fall beenden könnt: Ich produziere Spenden – T – Shirts mit dem Spruch `I love Gaza´, und was soll ich sagen, die Dinger gehen weg wie warme Semmeln.“ – „Und das soll ich Ihnen jetzt glauben?“ entgegnete ihm der Beamte. – „Es wird Ihnen ja wohl nichts anderes übrig bleiben. Also was nun? Wollt ihr auch ein Spenden – Shirt kaufen und was gutes für Palästina tun, oder was? – Du mein Freund siehst mir nach ´ner L – Größe aus“ und schaute einen der Polizisten dabei von oben bis unten an, „und du, Plauzen – Paule brauchst mindestens XXL“ und konnte sich dabei einen leicht hämischen Ton in der Stimme nicht verkneifen. Horchs Geschäftssinn war geweckt und er hatte den rempelnde Fahrradfahrer vergessen. Guck stand genauso verdutzt da, wie die beiden Beamten. Horch ist vom Sternbild Zwilling, dass wusste Guck, aber einen so schnellen Wandel von Emotionen hatte er bei Horch noch nicht erlebt. „Jetzt überlegt nicht lange, reißt Euch den Zwanni aus der Jacke und tut was Gutes für Gaza.“ Der Radfahrer hatte sich inzwischen aus dem Staub gemacht und Horch war vollends damit beschäftigt, den beiden Polizisten seine T-Shirts zu verkaufen. „Kommt Jungs, gebt Euch einen Ruck, Ihr seit doch eh scharf drauf das Lager zu sehen, ob da nicht irgendwas für euch zum herumschnüffeln herumliegt.“ Und tatsächlich, kurze Zeit später stiegen Horch und Guck, vorweg mit den Polizisten, die Stufen zum Lager hinab. Wie für ihr Büro, in dem sie ihre Recherche nach Wirtschaftskorruption und Betrug in der Weltpolitik betrieben, und ihr Depot, in dem sie ihre Utensilien und alte Ausrüstungsgegenstände aus vergangenen Einsätzen aufbewahrten, so hatten sie auch das Lager für die produzierten T-Shirts in einem ehemaligen Luftschutzbunker untergebracht. Mit sichtlich gemischten Gefühlen folgten die Polizisten Horch und Guck in den spärlich beleuchteten Vorraum. Nachdem sie die Sicherheitsschleuse passiert hatten, standen sie in dem hell erleuchteten Lager. „Und? Glaubt Ihr mir jetzt?“ fragte Guck. Überall im Raum, in den Regalen, auf den Tischen und in den umherstehenden Kisten lagen T – Shirts und Pullover in allen Farben und Größen. Horch öffnete eine der Kisten und nach kurzem Suchen zog er zwei T – Shirts heraus. „Hier, zieht mal über, die müssten Euch passen.“ – Folgsam zogen die Beamten die Shirts an und Horch hakte gleich im Sinne des Geschäfts nach: „Ich sehe, Ihr tragt beide die Fesseln der Ehe am Finger, dass heißt, Ihr habt, wenn die Früchte Eurer Lenden keine Nachkommen hervorgebracht haben, zumindest eine Frau daheim. Und wie es der Zufall so will, haben wir auch das figurbetonte Shirt für die Dame am Start. Wenn Plauzen – Paule hier“ und Horch zeigte auf den recht fülligen XXL – Bullen, „Plauzen – Paula zu Hause zu sitzen hat, wird das figurbetonte Shirt allerdings wohl eher Bauch – frei ausfallen.“ Der sportlichere Beamte von beiden konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen und zog dafür sogleich die bösen Blicke seines Kollegen auf sich. Horch packte jedem der beiden ein Lady – Shirt für die Herzdame daheim ein und drückte sie ihnen in die Hand. „So und jetzt Kohle an die Sonne. Das macht für jeden vierzig Euro, und fünf Euro pro Shirt gehen davon an bedürftige Palästinenser.“ Ohne sich zu wehren, zogen die beiden ihre Geldbörsen hervor und bezahlten die mehr oder weniger gewollten T – Shirts.

„Und wegen der Sache vorhin, nichts für Ungut. Aber hätte mein altes Patrouillenfahrzeug noch seine Bewaffnung an Bord, die brennenden Autos in der Stadt wären Euer geringstes Problem. Seht zu, dass Radfahrer ihre Räder endlich mit Nummernschildern ausgerüstet haben müssen um am Straßenverkehr teilnehmen zu dürfen.“ Zustimmend machten sich die Beamten auf den Weg nach draußen. Als die beiden Polizisten das Lager fast verlassen hatten, rief Horch ihnen noch hinterher: „Ach und noch was Jungs, zieht die Shirts aus bevor Ihr rausgeht. Ich glaube die Leute nehmen Euch sonst gar nicht mehr ernst.“ Als die Tür hinter den beiden ins Schloss gefallen war drängelte Horch: „So, jetzt müssen wir uns aber ranhalten. Die Merkel trifft sich gleich mit Sarkozy um die weitere Vorgehensweise in der EU-Krise zu besprechen.“ – „Und?“ Wollte Guck wissen. – „Ha“ erwiderte Horch „das weißt Du ja noch gar nicht.“ und Horch konnte sich sein freches Grinsen nicht verkneifen. „Ich war doch letzte Woche für ein paar Tage verreist.“ – „Ja, in Bayern“ warf Guck ein. – „Das glaubst Du und auch der internationale Geheimdienst glaubt es. Aber tatsächlich war ich beim Sarkozy, dem alten Franzosen und habe in seinen Räumlichkeiten ein paar Abhörsender versteckt. Wir bekommen also alles mit, was die beiden da gleich so besprechen werden.“ – „Und was machst Du, wenn die beiden gar nicht reden sondern…..“ fragte Guck grinsend – „Boa ich kotz´ gleich. Bist Du wieder ekelig. Danke, das Bild bekomme ich jetzt erst einmal nicht mehr aus dem Kopf und ich wollte gerade noch was essen gehen.“ entgegnete Horch. – „Nun, dann können wir ja gleich los und uns Merkel gegen Sarkozy anhören“ mit diesen Worten verließ Guck das Lager, was ihm Horch gleichtat um kurz darauf seinen Horch – Posten zu besetzen.

Und die Moral von der Geschicht´: Gute Bullen gibt es … oder sie gibt es nicht.

Horch & Guck-Meisterspione a. D.




Brisantes Material,…

das uns von einem aufmerksamen Nachbarn zugespielt wurde, liegt dem Kreuzberger exklusive vor. Demnach bedrohen die, sich ausbreitenden, gastronomischen Betriebe im Kiez nicht nur die Existenz der alt eingesessenen Betriebe und Händler, sondern nun auch die der Anwohner. Den uns zugespielten Informationen nach, sehen die aktuellen Vorschläge zum Flächennutzungsplan 2012 eine Ausweitung der gastronomischen Einheiten im Wrangelkiez vor. Dafür sollen in der Falckensteinstraße, zwischen der Oberbaumbrücke und der Görlitzer Straße, Mietwohnungen in Gewerbeflächen umgewandelt werden. Von dieser Maßnahme sollen die gastronomischen Betriebe profitieren, die auf der zusätzlich zur Verfügung stehenden Fläche mehr Gäste bedienen, den Umsatz steigern und somit der Staatskasse zusätzliche Mehreinnahmen beschehren können. Als Vorbilder für diese Maßnahme wurde das „Schwarze Cafe“ in Charlottenburg und die „Dachkammer“ in Friedrichshain herangezogen. Betroffen von einer daraus resultierenden Umsiedlung, sind zunächst die Mieter, deren Wohnungen in der 1. Etage und über bereits bestehenden Restaurants und Cafes liegen.




Mobil im Kiez

In den USA erhält man einen PKW-Führerschein für meistens sechs Jahre. Neuerdings muss man eine erhebliche Menge an Dokumenten vorzeigen, um die Verlängerung zu ermöglichen. Da ich länger in Deutschland lebe, gestaltet es sich immer schwieriger einen Wohnsitz im Bundesstaat New Jersey nachzuweisen. Daher ließ ich meinen Führerschein für die EU umschreiben. Die deutsche Behörde verlangte bloß, dass ich die theoretische sowie die praktische Prüfung bestehe. Die theoretische war kein Problem, trotz manchen seltsam formulierten Fragen und erwünschten Antworten. Da ich praktisch nie in Deutschland ein Auto geführt habe, dachte ich, es wäre besser, meinen Fahrstil begutachten zu lassen. Wie es sich herausstellte, war mein praktischer Fahrstil insbesondere in Bezug auf „rechts vor links“ verbesserungsbedürftig. Es folgten ca. fünf Fahrstunden, während der ich auch Aspekte der deutschen Seele erfahren habe.

Günter (Name von der Red. geändert) ist Schiedsrichter beim Fußball, eine hervorragende Grundvoraussetzung um Fahrlehrer zu werden. Mit der zweiten Beifahrer-Bremse kann er jedoch jedes meiner gut gemeinten Tore halten.

Nebenbei möchte ich hier für die Fahrschule Kalcher werben. Herr Kalcher sagte mir, dass alle Kreuzberger Künstler bei ihm den Führerschein machen. Da ich meinen Führerschein bei ihm gemacht habe, bestätigt zusätzlich, dass ich ein Kreuzberger Künstler bin.Und nun auf die Straße zur deutschen Seele: An einer Neuköllner Kreuzung bin ich an einer roten Ampel langsam hingefahren. Da zwei Mütter mit Kinderwägen vor mir die Straße überqueren wollten, hielt ich ein Paar Meter vor der Haltelinie. Selbst Vater und Fußgänger, wollte ich weder die Mütter noch die zukünftigen Rentenversicherungseinzahler mit meinerBlechkiste erschrecken, wenn nicht bloß wegen der mangelhaften Ästhetik. Günter hat dafür kein Verständnis; es gehört dazu diesen letzten Meter zu erobern. Wer weiß: ein Autofahrer hinter mir könnte mich überholen und diesen Straßenfleck besetzen.

Noch ein Beispiel in Sachen Fahrraum erobern: auf einer Rampe zur Stadtautobahn geben die Geschwindigkeitsschilder den Ton an. Bis zur letzten Angabe von 80 km/h entschied ich mich für 70, da ich annahm, wir verlassen die weltweit berühmte Autobahn rasch wieder. Außerdem hat das alte Auto wirklich nicht die Pferdestärke um schnell zu beschleunigen. Nur wenn ich einen großen kräftigen Geländewagen hätte, worin Zeit und Geschwindigkeit kaum spürbar wären! In solchen Wagen fahren junge scheinbar geschäftlich erfolgreiche Männer im verkehrsberuhigten Bereich im Wrangelkiez hin und her. Daher – air – conditioned und schalldicht abgekapselt – ist es vielleicht verständlich, dass sie sich verleiten lassen, schneller als 7 km/h (Schrittgeschwindigkeit) durch den Kiez zu rasen. Die anderen Autofahrer in kleineren Wagen wollen den Verkehr nicht hindern und fahren schnell nach vorne weg. Von einem angehupt zu werden ist schon erniedrigend und kann Selbstzweifel und Aggression hervorrufen. Fahrradfahrer weichen auf den „Gehweg“ (der juristisch gesehen, in verkehrsberuhigten Bereichen gar nicht gibt) aus. Aber an vielen Etappen stellen die massiven Bestuhlungen vor den Cafés und Restaurants und die Touristengruppen einen Hindernisparcour dar. Viele Kiezbewohner ziehen lieber gleich ihre schicke Marken-Jogging-Bekleidung an, bevor sie sich aus dem Haus wagen. Am Ende haben wir echte Spielstraßen im Wrangelkiez. Let the games begin!

William Wires, April 2011