Kreativ in Kreuzberg

»Die besten Ideen habe ich, wenn ich sie bei anderen schon gesehen habe.« Und sind es nicht die besten Ideen, die sich aus einem marktwirtschaftlichen Kalkül heraus verwerten lassen?

Die erste Bemerkung erinnert mich an die Reaktionen mancher angesichts eines sehr hoch bewerteten abstrakten Ölbildes: »Das kann ich auch malen.« Gemeint ist: »Da steckt wenig Arbeit drin«, als ob Kunst nach Stundensatz abgerechnet würde, oder »Das ist keine Kunst«, was zugegebenermaßen eine – eventuell nicht informierte – Meinungsäußerung ist. Zusammen betrachtet dürften die Meinungsgeber mit einer Leinwand, wenigen Arbeitsstunden und ohne lästigen Anspruch, einen Haufen Geld verdienen. Dazu kann ich nur sagen: Dann los!

Die zweite Bemerkung berührt die historische und aktuelle Entwicklung der Kunstverwertung. Eines will ich dazu sagen: Die Ideen anderer lassen sich gut verkaufen. Dies bezieht sich auf die Kommerzialisierung eines Trendbezirks, z.B. das Abfotografieren von Street Art, Graffitis und Wandmalereien, die Vermarktung als Postkarten o.ä. wobei meistens die Urheber nicht mal erwähnt werden. Es findet ein Kannibalismus statt, bei dem sich Vermarkter unreflektiert auf die Ideen und Arbeit Anderer fokussieren, ohne den Einsatz eigener Kreativität. Der zu Grunde liegende Anspruch begnügt sich mit einer Anbiederung an touristische Erwartungen. Dazu gehört auch die Kategorie der platten Abarbeitung von Bauwerken, wie Brücken und Kirchen, die an die belanglosen Ansichtskarten mit der Aufschrift »Grüße aus …« erinnern.

Daraus zu schließen, dass Fotos von Street Art und Bauwerken prinzipiell unkreativ sind, ist falsch. Manche Fotografen gehen thematisch vor und zeigen in Bilderserien aussagekräftige künstlerisch-persönliche Interpretationen. Im Einzelnen spielt dabei sowohl der eigene Anspruch, als auch die öffentliche Kritik eine Rolle. Das Gesamtergebnis einer lokalen Kreativitätsbilanz gibt Aufschluss über ein Selbstverständnis, gerade wenn diese Aktivitäten dem eigenen Umfeld entspringen. Daran erkennt man eine gewisse Ehrlichkeit und Authentizität.

»Street-Arts dürfen im Rahmen der Panoramafreiheit von Dritten fotografiert und die Fotos verwertet werden, ohne dass der Künstler in diesen Fällen etwas dagegen ausrichten kann. Bleibt nur das Recht der Künstler, bei Verwertung ihrer Werke genannt zu werden, sofern dies möglich ist.«

Privatisiere den Görlitzer Park!

Mir fällt die zunehmende Privatisierung des öffentlichen Raumes auf.

Daher wäre es konsequent, den leicht mit Gittertüren abzuschließenden Park zu privatisieren. Hunde, Drogendealer, übermäßiges Grillen wären damit unter Kontrolle gebracht. Eintrittsgelder würden die Grünpflege und das Sauberhalten finanzieren. Zu überlegen wäre die Zulassung von Verkaufsbuden entlang der bereits geteerten Gehwegachse. Noch eine Einnahmequelle… So viele Probleme auf einem Mal gelöst!

Keine gute Idee? Große Bereiche des engen Straßenraumes im Wrangelkiez sind bereits vom Bezirk an private Geschäftsinteressen vermietet: Speziell an Gaststätten, die weit über ihre beanspruchte Mietfläche hinaus weitere Quadratmeter Gehweg mit Stühlen und Tischen besetzen, frei nach dem Motto »Legal, illegal, Fresslokal«. Wie war das wieder mit dem illegalen Besetzen und der Berliner Linie?

Darüber hinaus wird die Nutzung des öffentlichen Raumes durch private Videokameras (im Wrangelkiez z.B. Kaiser’s, Green Bamboo) und andere Methoden kontrolliert. Beim Malen vor Ort in der Dieffenbachstraße kam ein Mann schnurstracks auf mich zu und verlangte, dass ich mit dem Malen sofort aufhören solle. Er gab sich als der Hauseigentümer aus und wollte nicht, dass das Haus »abgebildet« wird. Da ich ihm nicht gehorchte und weiter an der Leinwand pinselte, rief er die Polizei an. Zwei Beamte erschienen sodann am Tatort und redeten mit ihm. Wahrscheinlich wurde der Mann über den Begriff »Panoramafreiheit« unterrichtet. Dann sind sie alle gegangen, ohne mich weiter zu belästigen. Die künstlerische Freiheit lebt noch!

Geschrieben von William Wires, Oktober 2012




Just… a Lost Soul

Neulich am Landwehrkanal wurde meine Arbeit an einem Ölbild bewundert. Meine Präsenz auf der Straße offenbart einiges über mich als Maler und Person und gleichzeitig erlebe ich diverse Mikrokosmen der Gesellschaft: Ihre Einstellungen, Aktivitäten usw.

In den Nachbarschaften, wo ich zur Zeit schwerpunktmäßig arbeite – besonders Friedrichshain, Kreuzberg und Neukölln – kursiert ein breites Spektrum an Existenzen, von Armen bis Reichen, von Sprayern bis Büromenschen. Aspekte davon sind in meinen Bildern sicherlich abzulesen.

An der oben genannten Location wurde ich von einem aufdringlichen, tätowierten ‚Penner‘ angesprochen. Sein Anspruch bestand darin, mir seine Kunstwerke auf einem modernen Smartphone zu zeigen. Es gibt ab und zu solche, die mir so einen ‚Austausch‘ aufzwingen wollen. Was mich besonders erstaunte, war das Hakenkreuz-Tattoo an seinem Handgelenk. Nach seiner äußeren Erscheinung hätte ich das nicht erwartet.

Andere Tattoos schienen mir auf eine gegensätzliche Einstellung hinzuweisen. Ich erinnerte mich daran, dass ich das besagte Symbol schon mal vor ca. zehn Jahren auf dem Hals eines Fußgängers am Schlesischen Tor gesichtet hatte. Es kursiert im Kreuzberger Kiez auch dieser Typus von ‚Lost Soul‘ (verlorene Seele).

Oben habe ich die Bezeichnung ‚Penner‘ gebraucht. Ursprünglich ist damit ein Obdachloser gemeint, öfters auch eine Person, die nicht aufmerksam ist und mittlerweile einfach ein unangenehmer Mensch. Es ist eine gesellschaftliche Zuordnung: Ein ‚Penner‘ nimmt an der Gesellschaft nicht sinnvoll teil, der wird ausgegrenzt.

Dass ‚Penner‘ zu sehr der produktiven Gesellschaft im Sozialstaat auf der Tasche liegen, ist eine Einstellung, die im Verhältnis zu den derzeitigen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Realitäten steht und nicht besonders konsequent durchdacht ist. Man könnte sich fragen, wer bei welchen Banken und Firmen verpennt hat, und sich obendrein mit Subventionsgeldern und üppigen Boni belohnt? In einem anderen Fall – las ich neulich – bezahlte ein Versager, während er Tausende von Menschen aus Arbeitsverhältnissen entließ, seiner Ehefrau einen Monatslohn von 60.000. Aber das ist nichts Neues.

Durch meine Begegnungen während der Arbeit werde ich mit Einzelschicksalen konfrontiert. Diese lassen sich nicht so einfach pauschal in Gruppen zusammenfassen: Es sind große Variationen innerhalb Gruppierungen. Was mich erfreut, ist die Tatsache, dass sogar ‚Penner‘ Zugang zu meinen Bildern finden und Interessantes zu sagen haben.

Übrigens, das Ölbild ‚Just… a Lost Soul‘ zum Artikel gibt’s als Postkarte. Insgesamt biete ich inzwischen 125 Motive an. Die neuen Kalender 2013 zeigen nicht nur meinen heimatlichen Wrangelkiez, sondern auch meine Erkundungen im Reichenberger Kiez und im Reuterkiez.

Geschrieben von William Wires, August 2012




Chaos am Kotti

Während ich das Bild „Kotti in Öl“ vor Ort gemalt habe, schilderte mir ein Passant, wie er einmal das Innenleben des „Neuen Kreuzberger Zentrums (NKZ)“ erlebt hatte. Er fand die Bausubstanz marode und prophezeit daher, dass der Wohnkomplex innerhalb der nächsten 10 Jahre abgerissen wird. Für eine Umnutzung oder gar einen Neubau steht das Schild „Hostel“ schon auf der skurrilen Architektur im Vordergrund als Vorbote.  Chaos am Kotti! Für mehr Infos über den Verdrängungsprozess am Kottbusser Tor: http://kottiundco.wordpress.com.

Obwohl gar kein Mensch auf dem Ölbild zu sehen ist, glaub’ mir, der Kotti lebt.

Übrigens, wie der Herausgeber schon in diesem Heft berichtet, gibt’s eine limitierte Zahl von Ausgaben, die einen kompletten Satz meiner Postkarten aus der Fußball-Europameisterschaft Austragungsstadt, Gdańsk/ Danzig beinhaltet. Zugegebenerweise ließ ich mich von den „Games“ mitreißen und schaute das Spiel zwischen Deutschland und Dänemark mit Spannung an. Ich habe kaum Ahnung vom „Soccer“, fälschlicherweise von der UEFA im Fernsehen als „Football“ bezeichnet. Was mir noch aufgefallen war, war die Menge an Werbung am Spielfeldrand und überhaupt. Wer soll das Ganze schließlich finanzieren?

Daher habe ich unverschämterweise gedacht, Postkarten von meinen Ölbildern unters Volk, zumindest in Kreuzberg – als Trittbrettfahrer der EM und mit der Absicht der Eigenwerbung – zu verteilen. Viel Vergnügen! Ausgetauscht!!! gegen nachstehenden Text

Übrigens, wie der Herausgeber schon in diesem Heft berichtet, gibt’s eine limitierte Zahl von Ausgaben, die einen kompletten Satz meiner Postkarten aus der Fußball-Europameisterschaft Austragungsstadt Gdańsk/ Danzig beinhaltet. Zugegebenerweise ließ ich mich von den „Games“ mitreißen und schaute alle Deutschlandspiele mit Spannung an. Was mir dabei auffiel, war die Menge an Werbung am Spielfeldrand und überhaupt. „Der Kreuzberger“ lehnte unerklärlicherweise meinen Vorschlag ab, Werbung für meine Postkarten in polnischen Stadien zu finanzieren. Daher habe ich mich entschieden, Postkarten meiner Ölbildern dem Volk, zumindest in Kreuzberg – als Trittbrettfahrer der EM und mit der Absicht der unverschämten Eigenwerbung – unterzujubeln. Viel Glück und viel Vergnügen!

William Wires, Juni 2012

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Unser Kiezladen

Der Einzug von Euro Gida hat für Unruhe im Wrangelkiez gesorgt. Bis dahin stand der Ladenraum in der Wrangelstraße seit über einem Jahrzehnt leer. Seit einer Weile beschäftigte ich mich mit einem anderen Lebensmittelgeschäft, Bizim Bakkal, geführt in der zweiten Generation. Ohne auf die Kiezproblematik einzugehen, möchte ich aus künstlerischer Sicht sagen, dass ich von dem alten, in Ölfarben gemalten, Schild beeindruckt bin – ein Symbol, das tief in die Kiezgeschichte hineinreicht. Dabei bin ich nicht der Einzige: ein engagierter Architekt und Kiezbewohner hat es – in Absprache mit dem im Kiez verwurzelten Ladenbetreiber – sich zur Aufgabe gemacht, das Schild ehrenamtlich zu sanieren. Daraufhin musste ich natürlich diesen lang gestreckten Laden in Öl malen. Es hat sich gelohnt.

Zu Euro Gida möchte ich was Positives hervorheben. Auf einem Treffen mit Bewohnern und Ladenbetreibern hatte sich ein Kiezbewohner bei Euro Gida über die Video-Kameras an der Außenfassade beschwert. Kurz darauf wurden diese anstandslos entfernt. Diese entgegenkommende Haltung ist gegensätzlich zu der von „Green Bamboo“, dessen Inhaber den Berliner Datenschutzbeauftragten mit der lapidaren Erklärung, die Kameras seien Attrappen, beschwichtigte. Seine Begründung für die Kameras im öffentlichen Raum ist an dieser Stelle einfach zu doof wiederzugeben. Die Grundhaltung zeigt eine Aggressivität und einen Generalverdacht gegenüber der Nachbarschaft, die anscheinend eine „Gefahr“ für jeden Touristen-Euro darstellt.

Die gleichermaßen beängstigte Kaiser’s Filiale hat gleich drei Kameras an der Außenfassade montiert. Damit ist die Falckensteinstraße mehr oder weniger gut überwacht, ohne Rücksicht auf die Persönlichkeitsrechte der zufälligen Passanten.

William Wires, Juni 2012

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Security Comfort Luxury

Während ich vor Ort das Ölbild vom Carloft in der Reichenberger Straße malte, reagierten Passanten meistens positiv auf mein Kunstwerk. Unabhängig vom Bild, waren viele aus der Nachbarschaft mit dem Carloft aus den logischen Gründen des Verdrängungsprozesses und aus ästhetischen Gründen nicht glücklich.

Wie schlimm es um die Nachbarschaft bestellt sei, kann man direkt von der Carloft-Webseite erfahren: „Stellen Sie sich vor, Sie verfügen über alle Annehmlichkeiten und Angebote des Stadtlebens ohne die Nachteile, die eine Großstadt mit sich bringt. Parkplatzsuche? Angst, dass ihr Auto beschädigt wird? Unsicherheit in dunklen Nebengassen und Tiefgaragen? Ohne auszusteigen werden Sie sicher und komfortabel in Ihrem Wagen direkt in Ihr Loft gebracht.i“ Sogar der Begriff „CarLoft®“ ist geschützt.

Die Teilnahme der Loftbewohner an den Angeboten des Stadtlebens aus einer „Gated Community“ii ist ein Widerspruch in sich, da eine nachbarschaftliche Interaktion durch eine erhöhte Security (Sicherheitsmaßnahmen) in mancher Hinsicht eingeschränkt wird: Die klassische Berliner Mischung wird aufgegeben. iii Neu hier ist die Errichtung eines abgetrennten Wohnbereichs direkt mitten in einem „Problembezirk“, wo andernorts, wie in Südamerika und in Russland, ein Standort außerhalb der Stadt bevorzugt wird. In meinem Ölbild passt der zentral-positionierte Wachhaus-Container farblich, kompositorisch und inhaltlich zu der, einer Fabrik angelehnten, Fassade.

Demgegenüber scheitert Ritter Finest Real Estate mit ihrer Philosophie, um „all Ihre Erwartungen möglichst zu übertreffen machen wir alles – außer Kompromisseiv“. In einem Präsentationsbild ihres Bauprojekts auf der Brache in der Cuvrystraße parkt ein Auto – in diesem Fall ein roter Porsche – schutzlos auf der Straße.

Gerade dieses Spannungsfeld in Kreuzberg suchten die Projektverantwortlichen des BMW Guggenheim Labs als Kulisse für ihr Entree in Berlin. Nach den erwarteten kritischen Stimmen und dem anschließenden Rückzug aus Kreuzberg ist ihr hinterhältiger Plan aufgegangen: So eine Inszenierung ist ein gefundenes Fressen für die ideenlosen Politiker, die jeglichen demokratischen, aber kritischen Widerstand als bedrohlich empfindenv. Der Pfefferberg stand immer als alternativer Veranstaltungsort bereit. Besonders perfide war die herbeigeführte Verunglimpfung eines ganzen Stadtteils, die die Lab-Organisation vermutlich billigend in Kauf genommen haben. Sie haben sich aus der inhaltlichen Diskussion heraus gehalten. Für das Lab lauert die Gefahr nicht so sehr in den „Nebengassen und Tiefgaragen“, sondern eher mitten in den offenen Diskussionsforen.

„Confronting Comfort“, das Thema des BMW Guggenheim Labs, wird auf deren Website als ein Konflikt des Individuums, in dem Streben nach dem trügerischen Komfort, in einer globalisierten, quasi homogenen und starren urbanen Umgebung beschrieben. „So beschäftigen wir uns weniger mit unserer unmittelbaren Umgebung, dem Alltagstrott in den Städten und nicht zuletzt dem schleichenden Gefühl, dass wir daran nichts ändern können.“ Diese Aussage beinhaltet in Bezug auf die Projektverantwortlichen einen großen Widerspruch, da sie gerade dieses Gefühl der Ohnmacht den Stadtteilorganisationen und vielen interessierten Bewohner hinterlassen haben. Vorgesehen war bloß ein eingeschränktes Mitwirken von Kreuzbergern an den Programmthemen. Weiter: „Urbane Umgebungen (…) unterliegen jedoch nach wie vor starrer programmatischer Städteplanung, Architektur und Infrastruktur.“ Bezeichnenderweise werden politische und wirtschaftliche Komponenten nicht erwähnt, welche überhaupt die „Beteiligung an der Gestaltung urbaner Systeme“ erst ermöglichen. Die Politik und die Wirtschaft bestimmen, trotz Volksentscheiden und -ideen, die Stadtplanung am Spreeufer, am Tempelhofer Feld, am Autobahnausbau. Oder gibt’s Bürgerbegehren für die komplette Übergabe dieser landeseigenen Flächen an private wirtschaftliche Interessen? Haben Kiezbewohner dafür gekämpft, dass die Kappungsgrenze bei Neuvermietung von Wohnraum abgeschafft wurde?

William Wires, April 2012




Sensations

Manchmal weiß ich nicht genau, warum ich ein bestimmtes Motiv auswähle. Es könnte eine Komposition, die Farben oder ein aktuelles Ereignis sein. Es kommt auch vor, dass ein Motiv, das ich mal abgelehnt hatte, mein Interesse zu einem späteren Zeitpunkt weckt.

In der Literatur über Edward Hopper wird seine ausweichende Haltung gegenüber seinen eigenen Bildern beschrieben: „I am hoping that ideas less easy to define have, perhaps, crept in also (Ich hoffe, dass Ideen, die nicht so leicht zu definieren sind, vielleicht, auch eingesickert sind).“ Hopper verlässt sich auf seine subjektive „sensations“, als Nachempfinden seines inneren Lebens. Die spezifischen Orte, die er malte, sind von sekundärem Interesse.

Bei mir ist es eher umgekehrt. Mein Ausgangspunkt ist soziologischer Natur, mehr am Mikrokosmos Nachbarschaft orientiert, wo Menschen ihren Alltag gestalten und erleben. Trotzdem strebe ich keine umfassende Bestandsaufnahme bestimmter Stadtteile an. Ein subjektiver Entscheidungswille – abgeleitet von meiner persönlichen Erfahrung – ist in meinem Oeuvre offensichtlich. Mit meinem Bezug zum Realismus stelle ich als Maler kein künstliches Mysterium her, das nur wenigen „eingeweihten“ Betrachtern zugänglich ist. Auf einer kommunikativen Ebene freuen sich viele Betrachter über die Erkennbarkeit, die ihren persönlichen Genius loci bestätigt. Andere Betrachter erkennen in manchen Bildern eine sozio-kritische Haltung.

Während des Malens verändern sich meine Absichten. Es entstehen oft neue, zusätzliche Inhalte. Nach meinem Ermessen lasse ich mich ein auf die Betrachtungen von Passanten und auf das, was ich selber entdecke, sei es das Motiv selbst oder das Bild, an dem ich gerade arbeite. Diese Arbeitsweise ist essentiell für die Entstehung meiner vor Ort gemalten Bilder. Ich reagiere darauf, in dem ich etwas weglasse oder ein Detail betone. Auch im Nachhinein – wenn ich Abstand zu einem Bild gewonnen habe – entdecke ich neue inhaltliche Zusammenhänge. Es ist äußerst selten, dass ich ein Bild im Atelier weiter bearbeite, weil ich eine Authentizität des Erlebten mit dem Vorortmalen gewährleisten möchte.

Beispiel „Am Spreeufer: Pfuelstraße“: Im Bild ist die O2 Arena mit dem großen monströsen Werbeträger im Hintergrund zu sehen, vorne angeschnitten ist das ehemalige Speichergebäude mit privater „Spreeterrasse“. Im gleichen Zeitraum sind mir auf der Straße zwei Menschen begegnet, die mir über ihre persönliche Beziehung zum Haus Pfuelstraße 5 erzählt haben: Einer wohnte früher dort in einer Rehabilitations-WG, der andere wohnt jetzt im Haus nach der Sanierung. Aktuell werden die Räume des Hauses mit vergitterten Fenstern als Filmlocation für €1500 pro Tag angeboten. Die unruhige Spree deutet auf die bevorstehenden baulichen Änderungen an ihren Ufern hin; die vergitterten Fenster und die Spreeterrasse verdeutlichen die daraus resultierenden wirtschaftlichen Trennungen in der Gesellschaft.

Es gibt Orte, die nach Präsenz und Aufmerksamkeit durch persönliche und teils eigenwillige Gestaltung und Farbgebung streben. Der kleine Imbiss „Burgersteig“ mit den intensiven komplementären Farben, Rot und Grün, in unterschiedlichen Tönungen ist mir aufgefallen. Mein Bild vom Laden habe ich glücklicherweise gemalt bevor das ursprüngliche Konzept durch die selbstgefälligen Piktogramm-artigen Darstellungen von den im Laden offerierten Speisen verunstaltet und geschwächt wurde.

In dem Bild „Berghain Areal“ sagt die äußere Erscheinung, die ich als Motiv ausgewählt habe, wenig über die lautstarken Feste, die dort allabendlich stattfinden. Das Bild entwickelte sich inhaltlich erst über drei ruhige Maltage. Durch meine Beobachtungen überkam mich allmählich das Gefühl in einer Laubenkolonie zu sein. Die Szenerie ist friedlich, die Mitarbeiter sind untereinander und mit mir freundlich.

PS. Ich heiße alle Willkommen zu meiner Ausstellung am ersten Septemberwochenende in der „Kapelle am Urban“ im Rahmen von „Art Kreuzberg“, Atelier und Galerie Rundgang im Bergmannkiez und Umgebung. Weitere Informationen auf meiner Website und auf www.artkreuzberg.de.

William Wires, Juli 2011

 




Kunst… selbstverständlich

Die, vom Stadtteilausschuss Kreuzberg e.V. organisierte, 9. Open Air Gallery an den Sonntagen, 3. Juli und 7. August 2011, auf der Oberbaumbrücke wird über 100 internationalen und nationalen Künstlern die Möglichkeit geben, ihre Werke zu zeigen und zu verkaufen. Die Standgebühr ist inzwischen auf €80 gestiegen.

Die Veranstaltung ist als Ganze bei über 38,000 Besuchern (im vorigen Jahr) eine gewinnbringende Angelegenheit für die Gastronomen vor Ort und ringsherum, für die Sponsoren, die Lokalpolitiker und viele andere Geschäftstüchtige. Die Einzigen, die viel riskieren und oft leer ausgehen, sind die Hauptattraktion und raison d‘etre der ganzen Veranstaltung, die Künstler.

Ein Fragebogen befragte nach der Veranstaltung im vorigen Jahr die teilnehmenden Künstler zu deren Zufriedenheit, dem Ort, einem angedachten hochwertigen Katalog, der Öffentlichkeitswerbung und sonstigen vordefinierten Verbesserungsvorschlägen. Eine Erhebung von (anonymen) wirtschaftlichen Daten, wie die Umsätze der Künstler abzüglich der Auslagen und Standgebühren, wird außen vor gelassen.

Vor einigen Jahren hatte ich mir –als dies noch erlaubt war- einen Stand mit einem befreundeten Maler geteilt. Trotz großem Interesse seitens der Besucher und der Presse – ein Kunstwerk von meinem Kollegen wurde sogar für Zeitungsleitartikel verwendet – hatten wir beide weder ein Kunstwerk verkauft noch wirtschaftlich relevante Kontakte geknüpft.

In den Jahren danach habe ich frei, wie es bei mir üblich ist, vor Ort ein Ölbild gemalt, in der Nähe des Kunstmarktes. Dabei hatte ich die Gelegenheit, zumindest auf der Kreuzberger Seite, die strömenden Besucher zu beobachten und mich mit vielen zu unterhalten. Während der ca. 6 Stunden, die ich da stehe, habe ich äußerst selten gesehen, dass gekaufte Kunstwerke unter dem Arm mitgetragen werden. Von den mir erzählten Kaufpreisen war ich immer erstaunt, was für Schnäppchen manche Besucher erzielt hatten. Die Künstler taten mir leid.

Dass die Künstler vermutlich froh sein sollen, dass ihnen überhaupt eine Plattform angeboten wird, wird für selbstverständlich seitens der Veranstalter angenommen. Diese Haltung offenbart wenig Vertrauen in die Künstler und deren Arbeiten, auch – und noch wichtiger – von den Künstlern selbst. Vergleichbar ist die Einstellung der Veranstalter auch mit der von vielen Café- und Restaurantbesitzern, die deren Räumlichkeiten innen gratis mit Kunstwerken und deren Fassaden mit schlecht bezahlten Wandmalereien „dekorieren“ lassen. Viele Künstler schätzen sich selbst dermaßen schlecht ein, dass sie auf eigene Kosten solche Räume mit ihren Arbeiten bestücken, statt diese zu verkaufen oder zu vermieten. Im Gegensatz zu Galeristen, haben Restaurantbetreiber keinerlei Anreiz Kunstwerke an Dritte zu verkaufen. Ob ein Restaurantbesitzer froh sein soll, dass ein Künstler für die Öffentlichkeit bei ihm tagtäglich – gratis – esse, damit andere sehen, wie voll das Restaurant ist? Absurd, oder?

Als Alternative schlage ich vor, dass Café- und Restaurantbetreiber die Originalkunstwerke mieten oder preiswerte Drucke kaufen und ihre Räumlichkeiten damit verschönern. Wenn solche Angebote nicht angenommen werden, kann der Künstler sicher sein, dass die Kunstwerke nicht ernst genommen, bzw. als nicht wert verstanden werden. Die Künstler würden diese Haltung zum eigenen Nachteil nur bestätigen, wenn keine Bezahlung gemacht wird. Sie sollten nicht vergessen, dass sie in einem harten marktwirtschaftlichen Raum agieren.

Man braucht mit keinem Mitleid haben, wenn der Luxusgegenstand Originalkunst einem Restaurantbetreiber „zu teuer“ ist, da er schließlich großformatige Fotos von der Oberbaumbrücke bei IKEA für billig kaufen kann. Diese habe ich in zwei Restaurants im Wrangelkiez schon gesehen.

Zum Schluss eine Berichtigung des Eingangstextes:

Über 100 internationale und nationale, vom Stadtteilausschuss Kreuzberg e.V. gebührend honorierte Künstler präsentieren der Öffentlichkeit ihre Kunstwerke an den Sonntagen, 3. Juli und 7. August, auf der 9. Open Air Gallery auf der Oberbaumbrücke und geben damit dem Bezirk und Berlin die Möglichkeit ihr kulturfreundliches Gesicht zu zeigen.

William Wires, Mai 2011




Mobil im Kiez

In den USA erhält man einen PKW-Führerschein für meistens sechs Jahre. Neuerdings muss man eine erhebliche Menge an Dokumenten vorzeigen, um die Verlängerung zu ermöglichen. Da ich länger in Deutschland lebe, gestaltet es sich immer schwieriger einen Wohnsitz im Bundesstaat New Jersey nachzuweisen. Daher ließ ich meinen Führerschein für die EU umschreiben. Die deutsche Behörde verlangte bloß, dass ich die theoretische sowie die praktische Prüfung bestehe. Die theoretische war kein Problem, trotz manchen seltsam formulierten Fragen und erwünschten Antworten. Da ich praktisch nie in Deutschland ein Auto geführt habe, dachte ich, es wäre besser, meinen Fahrstil begutachten zu lassen. Wie es sich herausstellte, war mein praktischer Fahrstil insbesondere in Bezug auf „rechts vor links“ verbesserungsbedürftig. Es folgten ca. fünf Fahrstunden, während der ich auch Aspekte der deutschen Seele erfahren habe.

Günter (Name von der Red. geändert) ist Schiedsrichter beim Fußball, eine hervorragende Grundvoraussetzung um Fahrlehrer zu werden. Mit der zweiten Beifahrer-Bremse kann er jedoch jedes meiner gut gemeinten Tore halten.

Nebenbei möchte ich hier für die Fahrschule Kalcher werben. Herr Kalcher sagte mir, dass alle Kreuzberger Künstler bei ihm den Führerschein machen. Da ich meinen Führerschein bei ihm gemacht habe, bestätigt zusätzlich, dass ich ein Kreuzberger Künstler bin.Und nun auf die Straße zur deutschen Seele: An einer Neuköllner Kreuzung bin ich an einer roten Ampel langsam hingefahren. Da zwei Mütter mit Kinderwägen vor mir die Straße überqueren wollten, hielt ich ein Paar Meter vor der Haltelinie. Selbst Vater und Fußgänger, wollte ich weder die Mütter noch die zukünftigen Rentenversicherungseinzahler mit meinerBlechkiste erschrecken, wenn nicht bloß wegen der mangelhaften Ästhetik. Günter hat dafür kein Verständnis; es gehört dazu diesen letzten Meter zu erobern. Wer weiß: ein Autofahrer hinter mir könnte mich überholen und diesen Straßenfleck besetzen.

Noch ein Beispiel in Sachen Fahrraum erobern: auf einer Rampe zur Stadtautobahn geben die Geschwindigkeitsschilder den Ton an. Bis zur letzten Angabe von 80 km/h entschied ich mich für 70, da ich annahm, wir verlassen die weltweit berühmte Autobahn rasch wieder. Außerdem hat das alte Auto wirklich nicht die Pferdestärke um schnell zu beschleunigen. Nur wenn ich einen großen kräftigen Geländewagen hätte, worin Zeit und Geschwindigkeit kaum spürbar wären! In solchen Wagen fahren junge scheinbar geschäftlich erfolgreiche Männer im verkehrsberuhigten Bereich im Wrangelkiez hin und her. Daher – air – conditioned und schalldicht abgekapselt – ist es vielleicht verständlich, dass sie sich verleiten lassen, schneller als 7 km/h (Schrittgeschwindigkeit) durch den Kiez zu rasen. Die anderen Autofahrer in kleineren Wagen wollen den Verkehr nicht hindern und fahren schnell nach vorne weg. Von einem angehupt zu werden ist schon erniedrigend und kann Selbstzweifel und Aggression hervorrufen. Fahrradfahrer weichen auf den „Gehweg“ (der juristisch gesehen, in verkehrsberuhigten Bereichen gar nicht gibt) aus. Aber an vielen Etappen stellen die massiven Bestuhlungen vor den Cafés und Restaurants und die Touristengruppen einen Hindernisparcour dar. Viele Kiezbewohner ziehen lieber gleich ihre schicke Marken-Jogging-Bekleidung an, bevor sie sich aus dem Haus wagen. Am Ende haben wir echte Spielstraßen im Wrangelkiez. Let the games begin!

William Wires, April 2011

 




Yellow Snow

“Jo, his wife remarked on the painting ‘Cape Cod morning’, 1950: ‘It is a woman looking out to see if the weather is good enough to hang out her wash’. Hopper reacted: ‘did I say that? You’re making it Norman Rockwell. From my point of view she’s just looking out the window, just looking out the window’.”

Jo and Edward Hopper quoted in ‘Gold for Gold’, ‘Time’ 30 Mai 1955, p. 72.

Während ich auf der Straße male, fragen mich manche Passanten, ob ich Bob Ross im Fernsehen gesehen habe. Nachdem ich ein paar Jahre diese Frage verneint hatte, kam ich doch auf die Idee diesen Maler bei YouTube nachzuschauen. Ich habe ein Video angesehen, in dem er eine Berglandschaft in einer halben Stunde bastelt. Das Bild selbst ist eine reine Erfindung, oberflächig stimmungsvoll und hauptsächlich auf geschickten und routinierten Maltechniken aufgebaut. Der abgedunkelte Hintergrund blendete alle Bezüge zur Außenwelt aus: Jeder wird in seine „happy little world“ eingeladen und aufgefordert, in eine eigene, abgeschirmte Welt einzutauchen.

Noch ein amerikanischer Maler, der sich stark auf Maltechniken und einer leicht zugänglichen „sugar-coated“ Ideologie stützt, ist Norman Rockwell. Seine inszenierten Themen sind anhand von Fotomontagen konstruiert und sind illustrativ. In dem Zitat oben, distanziert sich Edward Hopper von Rockwell, auch vielleicht weil Hopper seine einkommenssicheren Illustrationsaufträge als notwendiges Übel betrachtet hat. Jo, die Frau von Edward, wollte einen illustrativen Sinn in seinem Ölbild erkennen: Die abgebildete Frau schaut aus dem Fenster, um nach einer günstigen Wetterlage fürs Wäsche-Aufhängen zu sehen. Wer weiß: Vielleicht wollte Jo, auch eine Malerin, ihren Ehemann provozieren.

Malerischer Realismus und Effekte werden bei Ross und Rockwell als Träger einer idealen –anti-modernen- Ideologie eingesetzt, die eine vordefinierte heile Welt widerspiegeln. In ihren Bildern ist der Schnee ohne gelbe Flecken. Bob Ross: “The only thing worse than yellow snow is green snow.” Ein begeisterter Fan be-nutzte eine Analogie aus dem Musikunterricht: Bevor man Prokofiev lernt, lernt man Kinderlieder wie „Mary Had a Little Lamb“. Es ist kein Zufall, dass Ross ein kleines Imperium mit Workshops, geleitet von Bob Ross bescheinigten Lehrer, aufgebaut hat und sogar eine Produktpalette von Künstlerbedarf anbietet. Eine von außen gedichtete, unschuldige und unbekümmerte Kinderwelt wird als Ziel gesetzt.

Ich bin erstaunt, dass in manchen meiner Bilder Leute einen gesäuberten Blick sehen. Kann es sein, dass gerade da zum Teil Wunschbilder hineinprojiziert werden? Dass realistische Malerei dazu leitet, eine eigene heile Welt zu sehen? Ohne Romantisieren zu wollen, male ich die verschmutzten und unebenen Wände, das Unkraut in den Gehwegspalten, das Graffiti. Es sind die Schnittpunkte zwischen meiner subjektiven Betrachtungsweise und einer annähernd objektiven Realität, die ich in meinen Ölbildern bearbeite. Die von mir unmittelbar erlebte Außenwelt ist wesentlicher Inhalt meiner Bilder. Daher gibt es bei mir keine „ready-made“ Antworten und damit keine Erfolgsformeln oder routinierte Maltechniken.

William Wires, Januar 2011




Streetview

Vorbeugend gegen Graffiti und Tagging, lässt eine zunehmende Anzahl von Geschäftsinhabern thematisch deren Verkaufsware von Malern mit Spraydosen an die Ladenfassade malen. Entlang eines Erdgeschosses in der Skalitzer Straße am Schlesischen Tor wird der Wrangelkiez in voller Länge mit anbiedernden Veduten zelebriert. In den Wrangel- und Falckensteinstraßen tanzen eindeutig, aber eher zufällig, auf den Fassaden eines Fischladens, eines Cafés und eines Fahrradladens – welch eine Überraschung – Fische, eine Teetasse und ein Fahrrad. Davon sind weitere Beispiele in den anderen Kiezstraßen zu begutachten. Mit diesen für nicht sprachkundige Touristen sowie für Analphabeten wichtigen Hinweisen, wird der Kiez als Freiluftmuseum ins Mittelalter zurückversetzt.Mühevoll gemalte Streifen und Tierwelt an einem mit Neubau ergänztem und neulich sanierten Mietshaus haben aber die inoffiziellen Graffiti-Maler nicht daran gehindert, diese bunt zu bespritzen und mit groben Sprüchen zu kommentieren. Die Reparaturarbeiten laufen…

Der Graffitispruch „This is not America“, der jahrelang an der Fassade von Kaisers zu lesen ist, wird in vielerlei Hinsichtimmer schwächer. Es ist abzuwarten, ob dieser Spruch nach der bevorstehenden Fassadensanierung wieder hergestellt wird. Wenn nicht, könnten Orientierungsprobleme unter den Menschen eintreten.

Werden die Touristen, die Bewohner und die Hausbesitzer diese Fassadenbemalungen als Ausdruck einer hoch gelobten kreativen und talentierten Künstlerszene im Kiez verstehen? Oder wird der Wrangelkiez als Bühne für Auswärtige angeboten, um dieses Image zurecht zu zimmern?

Vor einigen Jahren wurde ein Halbdutzend Brandwände im Rahmen des internationalen Projekts „Backjumps“ bunt bearbeitet. Diese, in meinen Augen recht gelungenen Bilder, sind allerdings kontrovers in ihrer angedeuteten Verbindung von traditioneller Kreuzberger Politwandmalerei von vor 30 Jahren und aktueller illegaler Street Art. Dieser Konflikt zeigt sich anhand der Graffiti, die vielerorts in die beauftragten Wandbemalungen eingreifen.

Einer der Wenigen, der diesen inhaltlichen Widerspruch überwindet, ist „Blu“. Überrascht war ich vom Mural gegenüber Netto in der Köpenicker Straße: die Mauer baut sich nach dem Fall in Euro-Scheinen wieder auf. Seine anderen Bilder in Kreuzberg sind auch nicht bloß ästhetische Selbstdarstellungen, sondern im Stadtraum gut platzierte Images, die zum Nachdenken anregen.

Geschrieben von William Wires




Boykott

“Wir haben gesiegt: Subway ist aus dem Kiez vertrieben.“ Angeblich hat’s einen Boykott gegen die von zwei Treptower Jungunternehmern geführte Franchise gegeben. Ob die inzwischen zahlreichen Touristen, die von der Vielfalt an gastronomischen Neuansiedelungen im Wrangelkiez umworben werden, daran teilgenommen hatten? Tatsächlich schienen mir die Stühle und Tische im Fastfood-Laden oft leer. Im Gegensatz dazu ist McDonald’s mit seiner gelungenen Architektur oft voll mit Kundschaft und diese ist nicht nur aus der benachbarten Berufsschule. Mehrere Geschäftsinhaber im Kiez haben mir gegenüber geäußert, dass sie die Ansiedlung von McDonald’s im Kiez begrüßen, nach dem Motto: Konkurrenz belebt das Geschäft. Ein alteingesessener Gastronom geht sogar wöchentlich mit seiner Familie zum Essen hin.

Im Gegensatz zum sauber gehaltenen Gelände und auch zum vergleichsweisegeordneten Drive-In Verkehr von McDonald’s, haben wir am oberen Ende der Falckensteinstraße ein Typus Restaurant, das sich durch verdächtig billige Menus und aggressive Gehwegbestuhlung auszeichnet. Zu letzterem bekennt sich sogar ein Fastfood-Neuling mit dem einfallsreichen Namen „Burgersteig“. Diese gastronomischen Einrichtungen, im Wrangelkiez teilsdurch internationale Konzerne (Chinabox, McThai, et al) vertreten, sind schlichtweg da, um die angelockten Touristenströme abzufangen und abzufüttern; sie hegen an sich darüber hinaus scheinbar keinerlei Interesse am Kiez. Tatsächlich erobern sie Stuhl für Stuhl den knappen öffentlichen Raum.

Und es wird nicht besser: Es ist anzunehmen, dass zwei neue kulinarische Highlights demnächst am oberen Ende der Falckensteinstraße eine größere Menge Tische und Stühle ausrücken werden. Damit wird der Bottleneck zur Schlesischen Straße vervollständigt. Mir tut hierbei der Buchladen leid, der peu á peu von Gastronomie der niedrigsten gemeinsamen Ansprüchen umzingelt wird. Obwohl ich kein Fan von Subway Sandwiches bin, wünsche ich mir, dass an dessen Zurückhaltung Beispiel genommen wird.

William Wires, Sept. 2010




Die Lage

Wenn Leute mich fragen, wie es sich im Wrangelkiez leben lässt, fühle ich mich leicht überfordert. Obwohl ich über Jahre in meiner Nachbarschaft Bilder male, komme ich nicht zu dem Punkt behaupten zu können: Ich kenne den Kiez mit seinen Bewohnern. Wenn ich so ein Ziel erreichen würde, könnte ich mit dem Malen im Kiez aufhören.

Da im Haus, in dem ich wohne eine Wohnung –mit „gehobener Ausstattung“- frei wurde, schaute ich im Internet allgemein nach Wohnungsanzeigen im Kiez nach. Hier wird die Lage –als Kiezbeschreibung- auf einem Punkt gebracht. Von diesen Immobilienmaklern und Hausbesitzern erfahre ich, dass wegen der „bunten Leute, ausreichender kulturellen Angebote, Bars (und) Restaurants“ im Wrangelkiez es „nie langweilig“ wird, da ich mich „mitten im Kreuzberger Leben“ befinde. Ein Makler outet sich mit der Bezeichnung „Falckensteinkiez“ als besonders informiert – oder erfinderisch. Sein zu vermietendesObjekt befindet sich in unmittelbarer Nähe zum kulturellen Zentrum von Kreuzberg“. Wo dieses Zentrum voller Kultur genau situiert ist, erfährt man aus der Lagebeschreibung leider nicht. Als Trost ist „die Mediaspree über die Oberbaumbrücke (in Friedrichshain) fußläufig zu erreichen“. Auf jedem Fall ist zu Fuß besser als im Autostau auf der Brücke zu stecken.Ein Altbaubesitzer weiß, dass der „belebte Wrangelkiez, mit seinen Cafés, Kneipen und Läden Kreuzberg-Charme verbreitet und neben dem Berliner Publikum auch Touristen anzieht.“ Andere laden „zumEntspannen oder auch zum sportlichen Joggen“ im „liebevoll in Stand gesetzten Görlitzer Park“ ein. „Das Spreewaldbad (steht) für diejenigen, die Lust auf eine Runde Schwimmen haben.“

Zusammengefasst bin ich erstaunt, wie viel an baulicher und kultureller Infrastruktur seitens international agierender Immobilienfirmen und Hausbesitzer in Anspruch genommen und dem Bewohner zur Verfügung gestellt werden. Diese Fremdleistungen werden dann über drastisch erhöhte Mietforderungen in Rechnung gestellt. Und auch: je mehr die Bewohner daran arbeiten ihren Kiez attraktiv zu gestalten, desto schwieriger wird es für sie im Kiez bleiben zu können. Besonders perfide ist der Verdacht, dass meine Bilder und Postkarten ungewollt zu dieser absurden Spirale beitragen. Getröstet könnte ich mich fühlen, da mein Vermieter mich in einer Email als „Schmarotzer“ bezeichnet hat. Die Ironie darin verschlägt mir den Atem.

William Wires, Aug. 2010




Marketing

Als ich eines Tages im Graefe-Kiez auf der Straße ein Ölbild malte, erzählte mir eine Passantin, dass sie meine Postkarten aneinander reiht, um Straßenbilder zu erzeugen. Das wäre doch was für Google Maps: Alle meine Bilder entsprechend ihrer Lagen in einem Stadtplan zu integrieren. Dafür würde ich vermutlich sehr viel Zeit brauchen. Man würde denken, dass nach Jahren des Straßenansichten-Malens, komplette Straßenbilder automatisch entstehen würden. Tatsache ist, je mehr ich male, desto mehr müsste ich malen, um dieses Ziel zu erreichen. Ich müsste dann dafür mehr Postkartenmotive drucken lassen, auch von Postkarten, die sich eventuell nicht so gut verkaufen lassen würden. Alternativ dazu, könnten Fans Bilder von meiner Website ausdrucken und zusammen puzzeln…

Aber: Mein Ziel ist es nicht komplette Straßenzüge abzuarbeiten und zu dokumentieren, sondern thematische Zusammenhänge, die ein lokales Bild des Wandels darstellen, zu untersuchen. Durch die kontinuierliche Beschäftigung mit kleinen geographischen Nachbar-schaften, entstehen die Themen fast automatisch.

Da ich keine Galerievertretung habe, hatte ich mich vor genau zwei Jahren entschieden, meinen Ölbildern mittels Postkarten mehr Öffentlichkeit zu verschaffen. Von den fast 60 Motiven, die ich drucken ließ, haben Kiezbewohner und Touristen über 16,000 Postkarten in Buchläden, Geschenkläden, Schreibwarengeschäfte und bei mir persönlich erworben. Außerdem biete ich gerahmte Digitaldrucke im DIN A3 Format bei „T-Shirt-Style“ in der Wrangelstraße an; aktuell hängen auch 12 solcher Drucke im „Eissalon Tanne B“ auf dem Lausitzer Platz.

Natürlich sind Postkarten und Drucke nicht das Originalbild auf Leinwand. Das Abbild eines Originalölbildes reicht für viele Menschen, die sich einfach über einen bestimmten Laden, über ihren Kiez im neuen Licht offenbart, freuen.

Eine Reproduktion, so gut die Druck-technik es erlaubt, ist was anderes als das Original, in der Farbigkeit, in der Tiefenwirkung von Ölfarben und nicht zuletzt mit der Leinwandstruktur. Einmal fragte mich ein Passant, ob er das Bild, woran ich gerade arbeitete, kaufen könnte. Da ihm der Preis zu teuer –ein relativer Begriff– war, bot ich ihm an, mein Bild in einer Fabrik im Ausland einmal reproduzieren zu lassen, aber diese Kopie wäre nicht von mir signiert. Der Kaufpreis wäre allerdings auf ein Fünftel reduziert. Da er das Wesen eines Originalbildes mit der Künstlersignatur erkannt hatte, lehnte er instinktiv ab.

William Wires, Juni 2010




Schneesturm

Mit meiner Frau und meiner Tochter, besuchte ich neulich meine Familie, die inzwischen in Florida wohnt. Doch vor den wärmeren Gefilden Floridas führte uns unsere Reise nach Piermont (N.Y.) am Hudson River (ca. 2500 Einwohner).

Von dieser Reiseetappe möchte ich berichten. Piermont erscheint städtebaulich weitgehend wie es vor einem Jahrhundert als Arbeiterstädtchen war. Abgesehen davon, dass nachdem es vor einigen Jahren als Geheimtipp entdeckt wurde, ein Prozess der Gentrifizierung einsetzte. Die auf der Landzunge situierte Papierfabrik wurde in Geschäfte unterteilt und dahinter wurden nicht besonders ästhetische, aber teure Condominiums (Apartment-häuser) errichtet, die immerhin preiswerter als die Wohnungen in New York City sind. Die alte Bebauung der Main Street mit ihren Sandstein-, Backstein- und Holzhäusern ist in ihrem dörflichen Charakter noch erhalten. Erstaunlicherweise gibt’s hier keine Franchise wie Starbucks. Im nahe gelegenen Nyack, besuchten wir das Geburtshaus von Edward Hopper, jetzt The Hopper House Art Center, wo regelmäßig Kunstausstellungen veranstaltet werden. Der Community Market in Piermont, wo früher Alteingesessene Tratsch und Neuigkeiten austauschten, wurde vom jetzigen koreanischen Besitzer nach hiesiger Meinung entseelt. Als meine 2-jährige Tochter auf einen Sack Katzenfutter gedeutet hat, eilte sogleich der Ladeninhaber herbei und fragte, ob ich diesen – für meine Tochter? – kaufen will. Glücklicherweise blieb uns noch eine Delikatesse, Canzona’s, am anderen Ende vom Dorf, wo sich Einheimische ab sechs Uhr früh ihren Kaffee in Papierbechern holen und anhand des aktuellen Schneesturms über die von gefallenen Bäumen und Leitungsmasten gesperrten Ausfahrtstraßen berichten konnten, und wo wir – eingeschneit – dicke Sandwiches preiswert kaufen konnten. Daher kann man sagen, dass Piermont weder ein historisches Freiluftmuseum noch eine vollständig kommerzielle Touristenmeile geworden ist. Wenn ich diese Entwicklung mit der des Wrangelkiezes vergleiche, bin ich noch nicht sicher wie es in fünf oder zehn Jahren aussehen könnte. Hier – im Wrangelkiez – ist der größte Zuwachs bei der Gastronomie zu sehen. Wenn man nur eine Straße entlang spaziert und von jedem Cafè eine Latte zu sich nimmt, würde nicht nur das Portemonnaie erheblich erleichtert, auch würde man einen Koffein-Schock erleiden. Auf der anderen Seite, wie sollte sommers der Touristenstrom bedient werden?

Ausländische Touristen trifft man in Piermont und Umgebung selten; man trifft aber spanisch sprechende Haushaltgehilfen an der Bushaltestelle, wovon alle südwärts fahrenden Busse durch New Jersey und nach New York City in unter eine Stunde verkehren. Die Touristen bleiben aber meistens lieber in New York City und sind mit ihrem Amerikabild dann zufrieden. Unsere Gastgeberin, Carola, eine gebürtige Holländerin, hat ihr Bed and Breakfast (http://www.riverviewbnb.com/) in einem Backsteingebäude aus dem 18. Jahrhundert respektvoll mit „old world European charm“ renoviert. Während des von uns erlebten Schneesturmes fiel ein Baum über den direkt angrenzenden Sparkill Bach auf unser Wohnzimmerdach, richtete aber nur minimalen Schaden an. Anschließend sind wir in die wärmere Klimazone von Florida geflogen.

William Wires, März 2010




Polen zuhause

Im multikulturellen Wrangelkiez kann man u. a. Netzwerke von Nationalitäten herausschneiden und unter die Lupe nehmen. Meistens ergeben sich keine eindeutigen Aussagen zu den Gruppierungen. Sind alle Italiener in einem bestimmten Café in der Wrangelstraße zu Gast oder gehen alle Spanier ins Restaurant an der Ecke Falckensteinstraße? Netzwerke gibt es trotzdem; ist es nicht so, dass Zugezogene ihresgleichen aufsuchen? Diese „zufällig“ entstandenen Gruppen nehmen aber auch scheinbare Außenseiter auf. Ich bin in eine Polnische verwickelt. In der Schlesischen Straße gibt es seit langem ein Lokal, in dem man Bigos und entsprechendes Bier bestellen kann.

Als Maler auf der Straße und langjähriger Kiezbewohner ergeben sich – zwangsläufig – viele Kontakte zu allen möglichen Menschen. Von polnischen Freunden bin ich mehrmals nach Gdansk eingeladen worden. Wenn ich mich im Gdansker Stadtteil Wrzeszcz aufhalte, denke ich assoziativ an den Wrangelkiez bzw. daran wie Kreuzberg vor der Gentrifizierung aussah. Ich wurde inspiriert, diesen Vergleich durch das Malen auszuforschen.

An meinem ersten Tag beim Malen in Wrzeszcz wurde ich von Andrzej, der dort ein Nachbarschaftsnetzwerk aufbaut und managt, auf der Wajdeloty Straße angesprochen. Er wittert eine internationale Anerkennung seines Stadtviertels. In Wrzeszcz trifft man – was für eine Überraschung – fast nur Polen, aber nicht ganz: Es kommen deutsche Touristen, die mich nach dem Weg zum Geburtshaus von Günter Grass fragen. Übrigens, es kommen Millionen jährlich zu meinen Geburtsort, Newark, New Jersey, wo sich ein internationaler Flughafen befindet.

Vom Bahnhof Wrzeszcz aus laufe ich durch den Kiez zu Freunden, die mich und meine immer mehr werdenden Ölbilder aufgenommen haben. Auf dieser Strecke ist eine Vielfalt der Architektur und des städtischen Raumes zu beobachten. Ich möchte die Wajdeloty Straße mit ihren Geschäften des täglichen Gebrauchs mit der Wrangelstraße vergleichen: Wrzeszcz ist auch von einer Bahnlinie durchschnitten. An der Bäckerei Paradowski komme ich nicht vorbei ohne Kuchen zu kaufen.

Die gedrungene Säule am Eckeingang ist ein markantes architektonisches Element in der Straße. Wie in vielen der hundertjährigen Gebäude wurden die Fensterrahmen und Laibungen weiß gestrichen. So ergibt sich ein starker Kontrast zu den grauen abgenutzten Fassaden. Die Straße mündet in ein kleines Rondell, worauf sich ein Kastanienbaum ausbreitet. Von dort aus folge ich einem schmalen Kanal durch einen kleinen Park, der als Hundeauslauf genutzt wird. Danach überquere ich eine mehrspurige Verbindungsstraße mit Straßenbahnverkehr und gelange zu einem Teil von Wrzeszcz, der früher als „Neuschottland“ bekannt war.

Wenn ich vor Ort und in der Öffentlichkeit male, werden schließlich viele neugierige Menschen herangezogen, und es entwickeln sich oft interessante Gespräche mit Alkoholikern, Großmüttern, die ihre Enkel in Kinderwägen herum kutschieren, mit Professoren, Unternehmern und auch mit so manchen Polen, die inzwischen in den USA und im europäischen Ausland wohnen und zu Besuch sind. Ich unterhalte mich auch mit jungen neu hinzugezogenen Akademikern. Sie alle sind wie die Wrangelkiezbewohner stolz auf ihren Kiez. Da mein polnischer Wortschatz nicht mal eine Pierogi ausfüllen kann, entstehen doch mit Hilfe von Englisch und Deutsch einige informative Gespräche. Sie waren zum Teil erstaunt, dass jemand aus der Ferne die Leidenschaft für ausgerechnet ihren Kiez teilt und Ölbilder von scheinbar zufälligen Gebäuden und Plätzen, einschließlich des Graffitis, malt.

Einige haben jedoch versucht, mich ins Zentrum Danzigs zu lenken, wo sich alle Touristen sammeln (und das aus gutem Grund, denn die bis ins Detail wiederhergestellte Altstadt ist in der Tat sehr schön). Doch mein Hauptinteresse bleibt weiterhin der echte Alltag. Die Menschen leben in abgenutzten und in renovierten Häusern und “Blocks”, lassen sich die Haare beim “fryzjer” schneiden und kaufen leckeren Kuchen beim “cukiernia”, spazieren am Kanal entlang, und lassen ihre Kinder in den Parks spielen.

William Wires, Jan. 2010