Theater, das funktioniert – Theaterforum Kreuzberg

Ohne großartige Werbung, ohne Leuchtreklame und ohne Stars im Ensemble kommt ein kleines Theater in Kreuzberg aus, das vorbildlich gut funktioniert: das Theaterforum Kreuzberg (TFK) in der Eisenbahnstraße 21, als Adresse für anspruchsvolles, selten gespieltes Sprechtheater, Forum für junge Theaterproduktionen und ungewöhnliche Projekte. Laufkundschaft verirrt sich eh kaum einmal in diese Ecke. Trotzdem sind die Vorstellungen hier oft richtig voll, und insgesamt konnte die Auslastung in den letzten Jahren auf durchschnittlich stolze 60 Prozent gesteigert werden!

Dass das so ist, liegt ganz maßgeblich an Annemone Poland, die zufällig als Schauspielerin ins Ensemble des Theaterforum Kreuzberg kam und bis heute dort geblieben ist. 1996 hat sie die künstlerische Leitung übernommen und für etliche strukturelle Änderungen gesorgt. Dadurch hat sich das TFK einen guten Stand erarbeitet und hat inzwischen nicht nur künstlerisch, sondern auch wirtschaftlich Erfolg.

Gegründet wurde das TFK vor 20 Jahren von jungen Theaterleuten, die mit dem herkömmlichen Stadttheater-Betrieb unzufrieden waren und für sich eine Alternative suchten: eine Art Theaterlabor für Experimente und künstlerischen Austausch. Gearbeitet wurde nach der Schauspielmethodik von Michael Tschechow und die daraus entstandene Schauspielschule hat sich ebenfalls weiterentwickelt und bietet jetzt eine reguläre dreijährige Ausbildung mit anschließender staatlicher Prüfung an. Für Training, Proben und Aufführungen bauten die damaligen Ensemblemitglieder einen alten Ballsaal zum Theater aus, das zwar gut genutzt wurde, aber nur selten für öffentliche Aufführungen.

Das hat sich durch Annemone Poland gründlich geändert, die den Gastspielbetrieb, der zunächst nur ausnahmsweise gestattet wurde, systematisch ausgebaut hat. Aus den vielen Gastspiel-Bewerbungen – vorwiegend von Berliner Ensembles, aber auch immer öfters aus dem Ausland – wählt sie höchstpersönlich selber aus, was auf den Spielplan kommt, mit einem untrüglichen Sinn für Qualität. Dabei haben auch ambitionierte Amateurtheater und Newcomer gute Chancen.

„Ich bin immer neugierig auf junge Leute“, sagt Annemone Poland, die auf diese Weise schon hochinteressante Entdeckungen gemacht hat: Der junge Regisseur Nurkan Erpulat, der als erster Türke in die Regieklasse der Ernst-Busch-Schule aufgenommen wurde, inzwischen bei der Ruhrtriennale inszeniert, von der dortigen Presse als „Regie-Star aus der Türkei“ gefeiert wird und mit seiner aktuellen Produktion zum Theatertreffen in Berlin eingeladen wurde, hat sein erstes großes Theaterprojekt auf der Bühne des TFK gezeigt.

Insgesamt gastierten mittlerweile pro Jahr rund 20 verschiedene Ensembles. Damit ist gleichzeitig dem TFK durch entsprechende Mieteinnahmen geholfen, wie vielen freien Ensembles, die keine eigene Spielstätte haben und händeringend nach Auftrittsmöglichkeiten suchen. Was die Konditionen betrifft, so hat Annemone Poland klare Vorgaben und lässt nicht mich sich handeln. Schließlich kann sich das Theaterforum, das 40 Prozent des Gesamtbudgets selber erwirtschaften muss (der Rest ergibt sich durch Fördermittel des Forum Kreuzberg Fördervereins, Spenden und gelegentlich Stiftungsgelder), keine großen Sprünge leisten. Straffes Haushalten ist ganz wichtig und Bühnenbild, Kostüme und anderes wird von einer Produktion zur nächsten recycelt, wo immer das geht.

Aber fair behandelt wird hier jedes Gast-Ensemble, und für Aufführungen steht alles bereit, was man braucht. Das Haus ist gut ausgestattet, der hauseigene Bühnentechniker steht zur Verfügung und eine Generalprobe vor der Aufführung ist möglich. Das geht auch ganz anders, schildert der Berliner Schauspieler Jean Denis Römer, der hauptsächlich bei Film und Fernsehen arbeitet und nebenher mit der Theatergruppe Wild Bunch regelmäßig an verschiedenen Bühnen gastiert und die Bedingungen am TFK sehr zu schätzen weiß.

Die Bühne des TFK hat die gleichen Maße wie die berühmte Bauhausbühne in Dessau und ist als klassische Guckkastenbühne mit fast quadratischer Spielfläche extrem funktional. Sehr begehrt ist das TFK deshalb bei Tanztheatern, die sich im Theater wohler fühlen, als im Studio. Und hier ist vor allem genug Platz für die jährlichen Eigenproduktionen mit großem Ensemble und hohem choreografischen Anteil. Typisch für die Handschrift der Chefin, die vor ihrem Schauspielstudium bei Prof. Erika Dannhoff eine klassische Ballettausbildung an der Berliner Tanzakademie gemacht hat.

Bei der Stückauswahl hat Annemone Poland eine Vorliebe für osteuropäische Theaterautoren und findet hier immer wieder Stücke, die in Deutschland noch gar nicht gespielt wurden . Deshalb hat das TFK eine ungewöhnlich hohe Quote an Uraufführungen – reizvoll fürs Publikum und für die Schauspieler. 12-13 Leute sind dauerhaft im Stammensemble, denn genauso treu wie das Publikum sind beim TFK auch die Schauspieler und es herrscht ein ideales „Betriebsklima“. „Das Haus ist einfach großartig. Auf dieser Bühne zu spielen, ist herrlich“, schwärmt die Schauspielerin Inka Papst, die seit drei Jahren im TFK-Ensemble spielt und hier auch schon ein Solostück auf die Bühne gebracht hat.

Allerdings trotz aller Fairness und bestmöglicher Bedingungen: Verdienen lässt sich für die Schauspieler auch am TFK nicht wirklich was, auch wenn es eine Probenpauschale gibt und auf Einnahmeteilung gespielt wird. So hat eigentlich jeder noch mindestens einen anderen Job am Laufen. Das gilt auch für die künstlerische Leiterin, die zusätzlich als Lehrbeauftragte an der HDK Berlin arbeitet, als Werkstattleiterin bei der Sommerakademie in Marburg, als Gastdozentin an der FH Potsdam und am College of Arts Darington/England. Aber ihre liebsten Termine im vollen Kalender, das wird klar, sind die beim Theaterforum Kreuzberg.

Info: Das TFK beendet am 7. August seine Sommerpause und startet mit drei Gastspielproduktionen in die neue Saison. Als Wiederaufnahme wird ab 9. September „Jakob oder die Unterwerfung“ von Eugène Ionesco in der Inszenierung von Annemone Poland gezeigt, und die nächste TFK-Eigenproduktion hat Ende Februar Premiere.

Den Spielplan und weitere Informationen findet ihr unter www.tfk-berlin.de

Geschrieben von Jutta Wunderlich

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