Horch & Guck: Wahlsonntag

Das Telefon klingelte und Horch nahm den Anruf entgegen: »Ja?«, fragte er genervt. »Wer wagt es am frühen Sonntag morgen zu stören?«

»Ich bin´s.«

Horch erkannte die Stimme seines Freundes: »Wer sollte es auch sonst sein? Was gibt es?«

»Habe ich dich geweckt?«, fragte Guck.

»Nein, so höre ich mich immer an, wenn die Sekretärin auf meinem Gesicht sitzt! Klar hast du mich geweckt! Hast du mal auf die Uhr geschaut?«

»Ja, klar«, antwortete Guck euphorisch, »und weißt du was heute ist?«

»Sonntag!«, fuhr Horch seinen Freund an.

»Ja, aber nicht irgendein Sonntag.«

»Gleich ist Totensonntag mein Freund. Was willst du?«

»Heute ist Wahltag!«, erwiderte Guck.

»Ach du scheiße und deswegen rufst du mich an?«

»Ja, denn wer nicht wählen geht, darf sich hinterher…«, ohne ein weiteres Wort seines Freundes abzuwarten, beendete Horch das Gespräch und legte das Telefon neben sich auf den Nachttisch. Er hatte sich gerade umgedreht und wollte weiterschlafen, als das Telefon erneut klingelte. Genervt nahm er das Gespräch an.

»Was gibt es denn noch?«

»Hallo mein Sohn. Ich hoffe ich habe dich nicht geweckt?«

Genervt antwortete Horch: »Nein, so höre ich mich immer an, wenn meine Sekretärin auf…« Horch brach den Satz ab, als er aus dem Halbschlaf erwachte, realisierte, dass seine Mutter am Telefon war.

»Was wolltest du sagen?«

»Ach, nichts, vergiss es Mutter. Was verschafft mir so früh am Morgen die Ehre?«

»Es ist Wahlsonntag und ich wollte dich an deine Bürgerpflicht erinnern.«

»Ach, lass mich doch mit diesem Mist in Ruhe. Guck hat auch schon angerufen, um mich auf dieses Negativereignis hinzuweisen. Außerdem weißt du, wie ich zu dem Thema Wahlen stehe.«

»Wer nicht wählen geht, darf sich hinterher auch nicht beschweren!«

»Ja, ja, das hat Guck mir auch schon gesagt.«

»Guter Junge, du solltest öfter auf ihn hören.«

»Du solltest öfter auf mich hören! Dann wüsstest du, dass du dich heute völlig umsonst zur Wahlurne quälst. Genieße lieber das Wetter und versaue dir den Tag nicht mit der Wahl des größten Idioten. Ich für meinen Teil werde jetzt weiterschlafen. Ich rufe dich die Tage mal an. Bis dann.«

Horch beendete das Gespräch und drehte sich wieder auf die Seite um weiterzuschlafen. Erneut klingelte das Telefon.

»Mutter?«, fragte Horch.

»Nein, Guck.«

»Was willst du denn schon wieder? Ich will schlafen!«

»Ich wollte nur fragen, wann ich dich abholen soll?«

»Du brauchst mich nicht abholen! Ich will schlafen!«

Horchs Worte ignorierend sagte Guck: »Aber am Morgen sind die Wahllokale noch nicht so voll.«

»Das ist mir scheißegal ob und wann die Wahllokale voll sind oder nicht, ich gehe eh nicht wählen. Und jeder Idiot, der meint, sich in die Schlange der Schwachsinnigen einreihen zu müssen, ist selber schuld. Ich werde weder einen Fuß aus dem Bett setzen, noch einen Finger krumm machen, um den Stift in die Hand zu nehmen, mit dem ich ein Kreuz mache, welches keinerlei Bedeutung für den Ausgang der Wahlen hat.«

»Was bist du denn so gereizt?«, fragte Guck.

»Warum ich so gereizt bin? Weil niemand um mich herum verstehen will, dass Wahlen nichts bewirken und niemanden dazu bewegen werden, etwas in diesem Land zu verändern, außer es nutzt ihm persönlich. Geh du nur und nehme dein demokratisches Recht wahr.«

»Ich bin dann so in einer Stunde bei dir«, sagte Guck.

»Hörst du mir nicht zu oder was? Außerdem kann ich gar nicht wählen gehen.«

»Wieso? Hast du deine Staatsbürgerschaft abgegeben oder ein Verbrechen begangen, von dem ich noch nichts weiß?«

»Nein, aber ich weiß nicht, wo sich meine Wahlbenachrichtigung befindet.«

»Das heißt, du hast sie verloren? Wo kann die denn sein?«

»Verloren würde ich nicht sagen. Ich habe sie ordentlich abgelegt.«

»Wo?«

»In dem Papierkorb unter den Briefkästen.«

Guck fing an zu lachen: »Ja, die habe ich gefunden und dir mit ins Büro gebracht. Die müsste in dem Fach für politisch motivierte Briefsendungen liegen. Ich fahre ins Büro und bin dann gleich bei dir.«

Horch wollte noch etwas erwidern, aber Guck hatte das Gespräch bereits beendet.

Eine Stunde später klingelte es an Horchs Haustür.

»Bin gleich da«, gab Horch Guck Bescheid.

Kurz darauf waren sie gemeinsam auf dem Weg zum Wahllokal in die Schlesische Straße. Unterwegs entbrannte die Diskussion über den Sinn des Wahlgangs zwischen Horch und Guck erneut.

»Ich verstehe dich nicht, dass du, von berufswegen über die Korruption in Wirtschaft und Politik bestens informiert, noch immer zur Wahlurne rennst und deine mehr oder weniger wertlose Stimme abgibst«, regte sich Horch auf.

»Wer nicht wählen geht, darf sich hinterher auch nicht beschweren.«

»Wenn Wahlen etwas ändern könnten, wären sie verboten!«, erwiderte Horch. »Es würde mich nicht wundern, wenn die Wahlen hierzulande, wie in anderen „Demokratien“ ebenfalls, manipuliert wären. Die Politiker aller Parteien lügen das Blaue vom Himmel, um die Stimmen des Volkes zu ergattern, welches sie Tag ein Tag aus bescheissen. Das Volk hängt in der Wahlkampfphase an den Lippen, der von ihnen verehrten Volksvertreter und glauben ihnen wieder und wieder jedes, auch noch so heuchlerisch verkündete Wort und jedes, auch von noch so weit an den Haaren herbeigezogenes Versprechen für die Zukunft. Erinnern wir uns an die Versprechen der letzten Wahlen. Was wurde eingehalten? Lohnnebenkostensenkung und Steuererhöhung! Normalsterbliche Bürgerinnen und Bürger wurden schon für weitaus kleinere Vergehen geteert und gefedert. Die Meisten vergessen dabei, dass jeder Volksverräter…äh…Volksvertreter von unseren Steuergeldern, bezahlt wird. Vom kleinsten Verwaltungsangestellten, über die Wegelagerer vom Ordnungsamt und die Schlägertrupps der Polizei, bis hin zu den Politikern und dem Bundespräsidenten, beziehen alle ihr Gehalt, ihren Lohn, oder wie man es sonst noch nennen mag, aus dem Steuertopf. Wir sind es, die das von Guido sogenannte spätrömisch dekadente Leben der Regimeelite und deren Schergen bezahlen. Jeder von uns ist somit der Vorgesetzte der zuvor genannten Staatsdiener. Aber wie müssen wir uns als solche behandeln lassen? Wir werden belogen, betrogen, verarscht, verraten und verkauft. Nun frage ich dich, welcher Chef würde sich dieses Verhalten seiner Angestellten gefallen lassen? Laut dem Grundgesetz Artikel 20 Absatz 2 geht alle Staatsgewalt vom Volke aus. Genau dieses Gesetz muss wieder gesellschaftliche Selbstverständlichkeit werden. Zeit dieses Vorhaben anzugehen!«

»Na dann mal los«, warf Guck ein.

»Mittlerweile betrachten sogar einige der linken Geister die Zuwanderung der Mittelschicht aus europäischen Notstandsgebieten zunehmend mit Sorgenfalten im Gesicht. Dem kann ich nach wie vor nur entgegensetzen, wir sind selber schuld. Sarkastisch gesagt, können wir sogar noch froh darüber sein, dass die Ärmsten der Armen – die nur so arm geworden sind, weil wir unseren Lebensstandart längst vergangener glücklicherer Jahre ausgelebt haben – nicht über ausreichende finanzielle Mittel verfügen, um sich ebenfalls eine Fahrkarte oder ein Flugticket nach Deutschland zu leisten.«

»Wenn du so gut Bescheid weißt, warum gehst du dann nicht in die Politik?«, fragte Guck.

»Ich? Politiker? Lass mal gut sein, diese ganzen Idioten und Selbstdarsteller, die einen da umgeben, halten meine Nerven nicht aus. Nimm alleine den Spruch ›Leistung muss sich lohnen‹, den die Politik propagiert. Die Wahrheit sieht anders aus. Millionen von Menschen gehen Vollzeit arbeiten und müssen trotzdem zusätzlich Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts beantragen. Zugleich wird durch diese Haltung der Politik die Altersarmut gefördert. Bundesminister Dirk Nibel von der FDP hat in der Fernsehsendung Studio Friedman die Festlegung einer Lohnuntergrenze abgelehnt, damit die Höhe der gesetzlich festgelegten Löhne nicht Gegenstand eines jeden Wahlkampfs werden. Geistiger Dünnschiss! Derzeit ist der Mindestlohn an sich Gegenstand eines jeden Wahlkampfes. Dies bedeutet zugleich, dass Unternehmen durch Steuergelder subventioniert werden. Die Reallöhne sind in den vergangen zehn Jahren gesunken und nicht wenige Menschen arbeiten für nicht ein mal fünf Euro in der Stunde. Jedes Jahr demonstrieren hunderttausende am 1. Mai, einem Feiertag, der in 1856 in Australien seinen Ursprung hat, 1919 von der SPD, DDP und Teilen des Zentrums per Gesetz als gesetzlicher Feiertag festgelegt werden sollte und letztendlich durch einen Gesetzeserlass am 10. April 1933 durch die Nationalsozialisten zum gesetzlichen Feiertag und 1934 zum Nationalen Feiertag des Deutschen Volkes erklärt wurde. Wir »feiern« nächstes Jahr sozusagen 80-jähriges Jubiläum der nationalsozialistischen Gesetzgebung. Heil Hinkel! Ganz im diktatorischen Sinn wurde der aktuelle Armutsbericht gefälscht. Während in der ursprünglichen Fassung vor ›gesellschaftlicher Spaltung und den daraus resultierenden Gefahren‹ gewarnt wurde, ist in der veröffentlichten Version zu lesen, dass ›die vorliegenden Daten eine positive Entwicklung der Lebenslage in Deutschland belegen‹.«

»Dass die Politiker herummauscheln ist doch bereits seit Jahrzehnten bekannt. Eigentlich gab es das schon immer«, warf Guck ein.

Inzwischen waren Horch und Guck am Wahllokal angekommen und begaben sich in den Infobereich zur Ausgabe der Wahlunterlagen. Horch fuhr fort: »Ja, aber du siehst doch wo das hinführt. In Griechenland werden die Bankkunden an der, von den Banken und Spekulanten verursachten Krise anteilig mit ihren Spareinlagen beteiligt. In Spanien liegt die Jugendarbeitslosigkeit bei bis zu sechzig Prozent, je nach Region und dass Irland mit der Kreditaufnahme durch die EZB einzig und allein deutsche, französische und englische Banken gerettet und somit ein sprunghaftes Ausbreiten der Krise verhindert hat, erfährt die Öffentlichkeit nicht. Jeden Tag aufs neue lügen uns die Volksvertreter ohne Skrupel ins Gesicht. Ein Großteil der Bevölkerung vertraut auf die Worte und glaubt an eine Kehrtwende. Ich bin auf die langen Gesichter der Menschen gespannt, wenn sie eines Tages am ersten des Monats ihre Miete, Versicherung oder sonstige Rechnungen bezahlen wollen und feststellen, dass die sozialen Leistungen wie Renten, Arbeitslosengeld oder sonstige staatliche Zahlungen ausgeblieben sind. Warren Buffet, US-amerikanischer Unternehmer, hat im Interview mit Ben Stein in der New York Times vom 26. November 2006 gesagt: »Es herrscht Klassenkrieg, aber es ist meine Klasse, die Klasse der Reichen, die Krieg führt, und wir gewinnen.« So, und nun kannst du wählen gehen. Viel Spaß.«

Wortlos verschwand Guck in der Wahlkabine. Horch nahm ebenfalls seinen Wahlzettel und verschwand in der daneben stehenden Wahlkabine. Er faltete die Zettel auseinander und schrieb in deutlich lesbaren Druckbuchstaben auf jeden der beiden: ›Ich scheiße auf diese Demokratendiktatur!‹, faltete sie wieder zusammen und steckte sie in den Umschlag. Grinsend ging er zur Wahlurne und warf den Umschlag vor Gucks Augen in die Urne.

»Du hast es wirklich getan?«, fragte Guck erstaunt.

»Damit du endlich Ruhe gibst, ja, ich habe meine Stimme abgegeben. Und nun lass uns hier verschwinden. Das Wetter ist zu schön, um hier drin zu verweilen.«

 

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