Kreativ in Kreuzberg

»Die besten Ideen habe ich, wenn ich sie bei anderen schon gesehen habe.« Und sind es nicht die besten Ideen, die sich aus einem marktwirtschaftlichen Kalkül heraus verwerten lassen?

Die erste Bemerkung erinnert mich an die Reaktionen mancher angesichts eines sehr hoch bewerteten abstrakten Ölbildes: »Das kann ich auch malen.« Gemeint ist: »Da steckt wenig Arbeit drin«, als ob Kunst nach Stundensatz abgerechnet würde, oder »Das ist keine Kunst«, was zugegebenermaßen eine – eventuell nicht informierte – Meinungsäußerung ist. Zusammen betrachtet dürften die Meinungsgeber mit einer Leinwand, wenigen Arbeitsstunden und ohne lästigen Anspruch, einen Haufen Geld verdienen. Dazu kann ich nur sagen: Dann los!

Die zweite Bemerkung berührt die historische und aktuelle Entwicklung der Kunstverwertung. Eines will ich dazu sagen: Die Ideen anderer lassen sich gut verkaufen. Dies bezieht sich auf die Kommerzialisierung eines Trendbezirks, z.B. das Abfotografieren von Street Art, Graffitis und Wandmalereien, die Vermarktung als Postkarten o.ä. wobei meistens die Urheber nicht mal erwähnt werden. Es findet ein Kannibalismus statt, bei dem sich Vermarkter unreflektiert auf die Ideen und Arbeit Anderer fokussieren, ohne den Einsatz eigener Kreativität. Der zu Grunde liegende Anspruch begnügt sich mit einer Anbiederung an touristische Erwartungen. Dazu gehört auch die Kategorie der platten Abarbeitung von Bauwerken, wie Brücken und Kirchen, die an die belanglosen Ansichtskarten mit der Aufschrift »Grüße aus …« erinnern.

Daraus zu schließen, dass Fotos von Street Art und Bauwerken prinzipiell unkreativ sind, ist falsch. Manche Fotografen gehen thematisch vor und zeigen in Bilderserien aussagekräftige künstlerisch-persönliche Interpretationen. Im Einzelnen spielt dabei sowohl der eigene Anspruch, als auch die öffentliche Kritik eine Rolle. Das Gesamtergebnis einer lokalen Kreativitätsbilanz gibt Aufschluss über ein Selbstverständnis, gerade wenn diese Aktivitäten dem eigenen Umfeld entspringen. Daran erkennt man eine gewisse Ehrlichkeit und Authentizität.

»Street-Arts dürfen im Rahmen der Panoramafreiheit von Dritten fotografiert und die Fotos verwertet werden, ohne dass der Künstler in diesen Fällen etwas dagegen ausrichten kann. Bleibt nur das Recht der Künstler, bei Verwertung ihrer Werke genannt zu werden, sofern dies möglich ist.«

Privatisiere den Görlitzer Park!

Mir fällt die zunehmende Privatisierung des öffentlichen Raumes auf.

Daher wäre es konsequent, den leicht mit Gittertüren abzuschließenden Park zu privatisieren. Hunde, Drogendealer, übermäßiges Grillen wären damit unter Kontrolle gebracht. Eintrittsgelder würden die Grünpflege und das Sauberhalten finanzieren. Zu überlegen wäre die Zulassung von Verkaufsbuden entlang der bereits geteerten Gehwegachse. Noch eine Einnahmequelle… So viele Probleme auf einem Mal gelöst!

Keine gute Idee? Große Bereiche des engen Straßenraumes im Wrangelkiez sind bereits vom Bezirk an private Geschäftsinteressen vermietet: Speziell an Gaststätten, die weit über ihre beanspruchte Mietfläche hinaus weitere Quadratmeter Gehweg mit Stühlen und Tischen besetzen, frei nach dem Motto »Legal, illegal, Fresslokal«. Wie war das wieder mit dem illegalen Besetzen und der Berliner Linie?

Darüber hinaus wird die Nutzung des öffentlichen Raumes durch private Videokameras (im Wrangelkiez z.B. Kaiser’s, Green Bamboo) und andere Methoden kontrolliert. Beim Malen vor Ort in der Dieffenbachstraße kam ein Mann schnurstracks auf mich zu und verlangte, dass ich mit dem Malen sofort aufhören solle. Er gab sich als der Hauseigentümer aus und wollte nicht, dass das Haus »abgebildet« wird. Da ich ihm nicht gehorchte und weiter an der Leinwand pinselte, rief er die Polizei an. Zwei Beamte erschienen sodann am Tatort und redeten mit ihm. Wahrscheinlich wurde der Mann über den Begriff »Panoramafreiheit« unterrichtet. Dann sind sie alle gegangen, ohne mich weiter zu belästigen. Die künstlerische Freiheit lebt noch!

Geschrieben von William Wires, Oktober 2012

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